Silvester in Estepona

Wir fahren immer weiter in die Berge und letztlich entscheiden wir uns für den Weg durch die Sierra Nevada. Nebenbei ist uns durch unsere Abstecher in die Landschaft, die Welle vom Zahnrädchen rausgerutscht. Notwendig für einen Kilometerstand. Sicherheitshalber tanken wir und stellen fest, dass es eine gute Entscheidung war.
Während in Valencia die Tankstellen miteinander Monopoly spielen können, weil sie so dicht aneinander liegen, gibt es in Andalusien kaum Angebote. Durch die Weite der Landschaft, wenig Besiedlung und kaum erschlossene Orte fahren wir mit einem anderen Bewusstsein. Weggeknabberte Berge scheinen hier richtig zum Sport zu gehören. Egal, wo ein Berg im Weg steht, der Bagger schafft ihn. So schlängeln sich die Straßen durch die Berge, nicht um sie herum. Für den Anbau von Tomaten werden ganze Plateaus geschaffen. Und nebenbei wird der Abraum für gutes Geld an den Baustoffhandel verkauft.


Das man noch in den Höhlen der Berge leben kann, habe ich schon in Israel erlebt. Hier in der Sierra Nevada liegt es voll im Trend. Am besten noch ein selbst gebasteltes Satteldach als Mütze obendrauf. Fertig ist das Heim. Das inspiriert uns.

Ich liebe diese ursprüngliche Art zu leben: hier sieht es zwar für die heutige Zivilisation arm aus, aber wie reicht ist ein Mensch, der mit den wenigen Dingen des Lebens ein gutes Dasein führen kann: unabhängig von Zeit und Raum.

Sehnsüchtig schaue ich jeden Berg, die eingemeißelten Behausungen und Hütten an. Und endlich auch Maulesel. Das Lasttier, was mir in Albanien als wichtigstes Transportmittel in den Bergen begegnete.

Sierra Nevada



Mit Hilfe der Sonne ist hier fast alles möglich: der Anbau von Tomaten und Oliven, Gemüse im privaten Bereich, Pfirsiche, sogar Pappeln … die Mauren haben hier ganze Arbeit geleistet. Bis heute hat sich die Art des Bauens und der Kultivierung erhalten und kaum verändert.

Olivenplantagen


Wer weiß wie viele Höhlen hier noch entdeckt werden wollen. Aber noch viel interessanter finde ich, eine Bergwanderung in dieser Region zu unternehmen.
Das heben wir uns für später auf. Heute stehen Granada und Silvester an. Wir sputen uns, in die Spur zu kommen.
Granada gefällt uns, aber es ziehen auch hier Touristenströme. In Granada Richtung Alhambra. Diese steht denjenigen offen, die online gebucht haben. Dazu gehören wir nicht.

Playa del Christo


Silvester bleiben wir für ein paar Tage in Estepona. Wir stehen am großzügigen Strand am Ende der Stadt. Hier verirren sich viele Camper unterschiedlichster Nationen. Die Stadt ist touristisch wenig attraktiv, aber vom Klima, dem Miteinander und dem Standort fast perfekt. Vor allem Rentner mit ihren großen Wohnmobilen stehen hier, um einen ganzen Winter Wärme zu tanken.


Das Hinterland von Estepona wiederum hat so viel zu bieten, dass wir mehr als einen Monat hier verbringen könnten. Doch unser nächstes Ziel ist Portugal. Ich freue mich riesig auf dieses Land. Seit Jahren wünsche ich mir, Begegnungen und Strände. Handwerk und Ursprünglichkeit. Und alles, was dieses Land noch zu bieten hat.

Estepona


Portugal rückt ein bisschen nach hinten, weil wir auf einen Brief aus Deutschland warten. Da wir gut aufgehoben sind in Estepona, fällt es uns gar nicht schwer. Giri und seine Familie zeigen uns ein bisschen spanisches Miteinander, was wir durchweg genießen.
Da zu Hause ein Geburtstag ansteht, bringen wir kurz nach Neujahr ein Paket zur Post. Zumindest ist das der Plan. Einen halben Tag verbringen wir damit, einen geeigneten Versender zu finden. Trotz Giri und seinen Fähigkeiten wird es ein kleines Abenteuer. Nach Deutschland scheinen die Verbindungen mit Südspanien wenig ausgebaut zu sein. Niemand interessiert sich wirklich dafür und fast jeder schüttelt mit dem Kopf. Und schon gar nicht, ein Paket aufgeben ohne fertig ausgefüllten Beleg. Trotz alledem schaffen wir es gemeinsam: vier Tage später soll das 18kg schwere Paket den Zielort erreichen. Dass das nur eine schöne Vorstellung bleibt, wissen wir nach vier Tagen. Zum Geburtstag kommt es gewiss nicht pünktlich an. Genauso wenig wie unser Brief. Er verzögert sich um ganze zwei Wochen. Unsere Weiterfahrt nach Portugal ebenso.

Der Brief aus Deutschland, der ein wichtiges Dokument enthält, bleibt vorerst irgendwo hängen. Da hilft auch keine Sendungsnummer. Die verliert sich an der Grenze zu Deutschland. Herrje. Im Zeitalter des Computers bleibt am Ende doch ein Ach. Zumindest für mich und meine Befindlichkeiten.

Prozession


Silvester in Estepona (und in Spanien wohl generell) sind völlig unspektakulär. Eigentlich nimmt kaum jemand Notiz davon. Die Läden haben ja sowieso fast immer geöffnet und Feuerwerk gibt es hier fast überhaupt nicht. Wie angenehm für Mensch und Tier.


Fünf Tage später gibt es dafür den fröhlichen Vorabend zu den Heiligen-Drei-Königen. Heute wird gefeiert und prozessiert. Menschenmassen sind unterwegs, stehen an den Straßen und warten auf den Umzug. Irgendwann kommen die vielen lustigen Wagen: kein Priester, keine Kirche, kein Bürgermeister… Bart Simpson und Co begrüßen uns fröhlich und verteilen unendlich viele Bonbons. Alle sind glücklich und laufen dem ganzen Tross hinterher. Wir auch. Ganz klar.

Weihnachtsbaum nach unserem Geschmack

Da wir in den letzten Tag viel Zeit haben, schaffen wir es, ein Dachfenster einzubauen. Am Strand liegt ausreichend Holz. Das Fenster haben wir auf dem Weg nach Estepona in einem Campingausrüster erworben.
Seit Frankreich war uns klar, dass wir für die Entlüftung ein Dachfenster einbauen werden. Und das nicht erst in Deutschland. Gemacht, getan. Stichsäge, Akkuschrauber, Holz. Einen Meßschieber hat M. sowieso dabei, den benötigt er nicht nur zum Messen. Auch Fingernägel kann man damit prima sauber bekommen.


Die Montage war kein Problem, das Sägen ist weniger angenehm (GFK), aber nach zwei Stunden war alles fertig. Große Freude bei uns. Einen Waschtag haben wir für den nächsten Tag eingeplant. Viel Wäsche benötigen wir nicht. In den Waschsalons gibt es zudem riesige Maschinen. Das gefällt uns. Ein Abwasch sozusagen.

Alicante

Wir fahren weiter Richtung Alicante. Auf die Stadt freue ich mich schon ein paar Tage. Doch warum freue ich mich eigentlich auf eine große Stadt, die selbst einen Flughafen hat? Mir fehlt ein wenig der soziale Kontakt mit Menschen. Das bemerke ich seit Tagen. Unser Ziel ist immer noch Portugal, mit einem Zwischenstopp in Estepona. Dort kennen wir jemanden. Juhu.

Suchbild… Bulli in Alicante

Doch vorher erkunden wir Alicante, die Berge und die Landschaft. Ein bisschen Historie, die sich hier auch ganz gut finden lässt. Das Wetter meint es täglich gut mit uns: Sonne satt, kaum Wind.

Zum Einkaufen fahren wir rauf und runter, weil wir einfach blind sind, was Supermärkte betrifft. Ich gehe in Deutschland schon ungern einkaufen, weil mich das Angebot extrem langweilt. Doch hier bin ich völlig überfordert: zu viele Dinge, die Mensch nicht braucht in endlosen Regalen und Läden. Alicante hat ein ziemlich langgestrecktes Centro Commercial. Wo fängt die Stadt eigentlich an?

Am Ende des Tages fährt M. bis hoch zur Santa Bárbara, dem Ursprung und bewegtem Lebensort der Stadt. Im Auto poltert es mal wieder, weil wir enge Kurven mit guter Steigung nehmen müssen. Die Geschichte der Burg erkunden wir am nächsten Tag mit Genuss. Heute Abend stehen wir letztlich vor einem geschlossenen Burgtor.
Das ist fast historisch. Wir können noch soviel klopfen: diese Türen sind verschlossen. Dabei steht bei Google: Eintritt bis 22.00 Uhr.
Wir erwandern uns die Burg von außen und gehen anschließend auf nächtliche Erkundungstour ins Zentrum der Stadt.

Was mich immer wieder fasziniert, ist die Fröhlichkeit und Geselligkeit der Spanier. Aber heute Abend ist hier alles unterwegs, was in Alicante zu wohnen scheint: an allen Ecken sitzt, isst und trinkt man gemeinsam. Ist das schön. Die Leute sind fröhlich und ausgelassen.

Ich wünschte mir so eine großzügige Lebensart auch für Norddeutschland.
Wünscheerfüller sind richtig gut. Ich halte daran so lange fest, bis auch in heimischen Kreisen gutes Essen und Geselligkeit ein Bedürfnis geworden sind.

Agave vor der Burg

Früh morgens gehen wir durch das geöffnete Burgtor und sind begeistert, diesen historischen Ort erleben zu dürfen. Er thront über der Stadt als Massiv – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie beeindruckend die Geschichte hier mitgespielt hat, erzählen Bilder, Fotos und anspruchsvolle Videos. Egal auf welcher Ebene der Burg wir uns bewegen: atemberaubende Bilder weit in die Landschaft, über die Stadt und die Berge.

Wir verbringen noch einen ganzen Tag in der Altstadt. Es gefällt uns hier. Nebenbei hilft M. einem Engländer, der neben uns genächtigt hat, am Auto. Der Brite ist sehr redselig, da allein unterwegs. Seit einigen Tagen, genau genommen Weihnachten, hat er eine Freundin: einen verwilderten Windhund. Nun sind die beiden gemeinsam unterwegs. Eine schöne Geschichte.

Da wir richtig getrödelt haben in den vergangenen Tagen, sputen wir uns.
Sylvester dürfen wir in Estepona sein. Wir treffen uns mit Y., die hier seit Jahren wohnt und arbeitet. Die Fahrt geht also weiter gen Süden – mit Kompromissen.

Alicante


Almeria ist unser nächstes Ziel. Das Land der Tomaten – worüber sich M. im Vorfeld besonders freut.

Wenn man durch Andalusien fährt, im Übrigen eine traumhafte Landschaft, kommt wenig Lust auf Tomaten auf. Doch als Gartenbauerin ist mir dieses Problem bekannt.
Tomaten, professionell anzubauen, heißt intensive Nutzung der Landschaft. Von bio oder Nachhaltigkeit ist hier keine Spur zu sehen. Das Geld Ausdruck unserer Zeit ist, wird hier sehr deutlich. Genauso wie durch die am Strand entstehenden Touristenburgen. Immer wieder kommt mir der Gedanke, dass so viele Menschen niemals an einem Ort wohnen können. Das ganze Versorgungsnetz würde schon bei der Hälfte der Auslastung zusammen brechen. Demzufolge ist hier alles andere als Tourismus geplant.

Mirador Richtung Almeria

Zwischen Denia und Xabia

Mirador bedeutet: Ausblick oder Aussichtspunkt in die Landschaft – frei übersetzt. Wir finden einen wunderschöner Mirador zum Übernachten an den Klippen. Diese Punkte werden uns noch oft auf der Reise begleiten.


Meeresrauschen inklusive. Das Navi führt uns den ganzen Tag an der Nase herum. Also auch am Abend, aber wir sind so begeistert von der Landschaft, unserer prächtigen Ernte und der Nähe zum Meer, dass es uns wenig tangiert. Wir fahren wie fast immer auf Nebenstraßen in Richtung Parc Natural. Die Parks haben sich bisher immer als sehenswert, geschützt und ursprünglich präsentiert. Es gibt keine Wege in die Landschaft bzw. Berge, dafür aber gut herum geführte. Und immer Rastplätze und sehr viele Entsorgungsmöglichkeiten entlang der Straßen.

Was uns in ganz Spanien beeindruckt, ist die Müllentsorgung: zu jeder Tages- und Nachtzeit wird hier der Müll durch die öffentliche Hand bereinigt. Selbst an den Feiertagen laufen die Einsatzkräfte und sammeln ein, was eigentlich jeder selbst recyceln könnte. Dadurch wirken die Städte stets sauber und plastikfrei. Wie letztendlich dieser Müll entsorgt wird, bleibt uns verborgen. Jenseits der Metropolen gibt es zwar immer noch jede Menge Container für den Müll, aber privat hat man offensichtlich weniger Interesse, die wirklich schöne und prächtige Landschaft sauber zu halten. Da jede Handlung einen Erfolg in dieser Hinsicht nach sich zieht, wird auch die ländliche Region irgendwann den Anspruch haben, es den Städten gleich zu tun.

Ein paar Gedanken muss ich loswerden zum Thema Müll und reduziertem Bulli-Dasein:
Durch unseren Einkauf produzieren wir täglich Plastikabfall. Zwar können wir ihn jeden Tag problemlos „LOS WERDEN“, aber das ist nicht das Ziel.
Wir haben tatsächlich noch keinen einzigen regionalen Markt entdeckt, obwohl wir im Land der Märkte sind. Was uns aber massiv begleitet, fast wie eine never ending story, sind die unendlich vielen, riesigen Supermärkte. Wie Perlenketten reihen sie sich aneinander. Orte scheinen keinen Anfang und kein Ende zu kennen. Sie bestehen für den Durchfahrenden nur aus Gewerbegebieten. Um Spaniens urbanen Stadtkern kennen zu lernen, muss man sich richtig überwinden, in die Enge der Straßen und letztlich in das spanische Leben einzutauchen. Wenn man aber nur ein wenig teilhaben möchte, entscheidet man sich für den mainstream und landet gezielt in den Supermärkten, die da heißen Aldi, Supermercado und Co…


Wir versuchen immer wieder unverpackte Ware zu finden. Kaum möglich. Nur durch das Mitbringen der eigenen Tüten können wir das ein oder andere Mal reduzieren. Seit Spanien haben wir auch kein trinkbares Wasser mehr aus der Leitung. Bis in die Bergregionen hoch ist das Wasser gechlort. Deshalb entscheiden wir uns resignierend fürs Wasser kaufen. Nun kommen zu unseren Obst- oder Gemüseverpackungen auch noch der tägliche 8l Kanister als Müll hinzu. Hätten wir den Platz, würden wir alle Kanister mit Olivenöl unterwegs füllen lassen. Haben wir nicht. Eine Idee zur Wiederverwertung habe ich aktuell auch nicht.
Zum Glück finden wir dank intensiver Suche doch wieder Wasser auf unseren Wegen und haben gerade einmal drei Kanister käuflich erwerben müssen. Was für ein Erfolg!

Am liebsten wäre mir ein Verbrennungsmotor, der das alles futtern kann. We pick up plasctic… und fahren damit durch die Welt. Einen Ofen mit Verbrennungsmotor wünsche ich mir schon seit einiger Zeit von geprüften Ingenieuren. Davon soll es ja etliche geben.
Gleich fallen mir zum Thema Diesel ein paar Gedanken ein: M. hat das Auto weitestgehend so umfunktioniert, dass wir recht sparsam unterwegs sind. Das noch mehr geht, wissen wir nach den ersten Tagen und freuen uns auf kommende Touren mit einem Drittel weniger Verbrauch. Heutige Autos in dieser Kategorie verbrauchen leider ein Drittel mehr als wir derzeitig als Durchschnitt abrechnen: mit 8l kommen wir über Stock und Stein.

Im Alltag daheim bevorzuge ich seit vielen Jahren Erdgas, bin aber an wirtschaftliche Grenzen gestoßen. Als wir das Auto vor vielen Jahren kauften, war das Versprechen groß: Erdgas an jeder Tankstelle, gar kein Problem. Heute nach über 15 Jahren sieht es so aus: Erdgas bekomme ich inzwischen in Deutschland nur an ausgesuchten Tankstellen. Oftmals sind die Säulen defekt oder wurden wieder abgebaut. Und hinter der Grenze hört es fast ganz auf. Ich kenne gegenwärtig kein besser funktionierendes System als Erdgas. Und aus diesem Grund ist es nicht am Markt.


Mehr zufällig entdecken wir die Cova del Gamell, eine kleine Höhle, die man sich erwandern darf. Der Mirador ist einzigartig, egal, wo man steht. Im Hintergrund der Massis Del Montegó, auf den viele Besucher kraxeln. Da M. Probleme mit dem Laufen hat, ist die Höhle die richtige Wahl.
Als wir uns mit dem Auto weiter durch den Park schlängeln, sehen wir, wie hoch der Massis war und auf welcher Höhe wir uns bewegt haben. Jetzt sind wir richtig beeindruckt.
Mit dem Ende des Parks ändert sich auch die Landschaft. Keine Orangenplantagen mehr, wieder Terrassen und alte Weinstöcke, weniger Weinberge.
Verlassene Höfe haben wir auf unserer bisherigen Reise oft gesehen, doch hier gibt es wohl einen großen Wandel: die Landwirtschaft wird für den Tourismus aufgegeben bzw. geopfert. Wenige Kilometer weiter wissen wir warum: wir sind an der Costa Blanca. Die Fahrt allein durch die Berge, mit Blick auf die Küste, ist Nahrung für die Seele. Es macht uns Spaß, hier sein zu dürfen. Frei in fast allen unseren Entscheidungen.
Doch was bedeutet frei? Auf unserer Reise treffen wir wenige Aussteiger. Und sie bestätigen meine ganz persönliche Einstellung: das System, in dem wir in Deutschland integriert sind, entspricht wenig unseren Erfahrungen, Vorlieben und wahrhaftigem Lebensgefühl. Das auch dieser Weg in die Unabhängigkeit Grenzen hat, macht ihn nicht weniger attraktiv. Eine Auslandskrankenversicherung, die weit mehr abdeckt, als unsere Pflichtversicherung im eigenen Land, kostet kaum etwas. Meine Krankenkasse versucht wie jedes Jahr, mir gerade nachzuweisen, dass ich viel mehr löhnen muss. Das ist mir in meiner Selbständigkeit gar nicht möglich. Auch aus diesem Grunde suche ich seit vielen Jahren nach einer vernünftigen Lösung. Ich habe zwar rechtzeitig reagiert, aber dann doch nicht den Austritt beantragt. Inzwischen ist es fast unmöglich geworden, diesen Verpflichtungen zu entkommen. Ich arbeite daran und freue mich, demnächst berichten zu können, wie man es trotzdem schafft. Das Thema KK ist für mich ein sehr bewegtes Thema, da ich die Eigenmächtigkeit meiner KK durch die BG aufgedrückt, kaum beschreiben noch nachvollziehen kann. Es ist ein Grund, warum ich Deutschland weniger als Land zum Leben empfehlen kann. Doch die Eigenwilligkeit der KK kennt wohl fast jeder Selbständige. Nur geben sich fast alle damit zufrieden.

In Calp suchen wir uns keinen Schlafplatz, aber bleiben am Ende doch vor dem beeindruckend großen Massiv im Hafen stehen. Hier wird noch richtig gearbeitet – alles andere ist purer Tourismus bzw. Hochhausgigantismus.

Baden und Frühstücken gönnen wir uns direkt und zufällig vor dem Haus Edificio „Xanadú“, was bedeutet, dass sich hier Ricardo Bofill vor über 50 Jahren ein Denkmal gesetzt hat. Als wir sehen, dass es ein so besonderes Haus ist, gönnen wir uns einen Einblick.

Ansonsten ist Calp für uns doch mehr ein Durchreiseort. Das noch mehr geht, sehen wir später auf der Strecke: in Benidorm – ein ehemaliges Fischerdörfchen. Weit weg vom ehemaligen Dorf gleicht es heute einer Großstadt. Massiv sind nicht nur die Berge, die diesen Ort prägen, sondern auch die unverschämt hohen wie modernen Feriensilos. Wer es mag, der wird sich hier wohl fühlen. Es fehlt an nichts: jede Menge Shoppingmalls, Strand und Cafés. Es ist fern meiner Vorstellungskraft, dass so viele Menschen in einen Ort passen, wenn alle Appartements gebucht wären. Ich entscheide mich für eine Denkpause.

… und weiter Richtung Süden

Aussichtsplattform

Wir sind nach fünf Tagen Barcelona wieder auf der Straße Richtung Süden unterwegs. Bekanntlich führen viele Wege nach Rom. So geht es uns auch und wir entscheiden uns stets für die nahe Verbindung zum Wasser.
In Barcelona sahen wir uns noch freudig den sehr jungen Botanischen Garten an, in dem die mediterrane Flora aus der ganzen Welt vereint zu sein scheint. Ein Erlebnis der Düfte. Im Frühling und Sommer sicher auch der Farben, Blüten und Früchte. Aber mich beeindrucken schon die vielen mediterranen Pflanzen, die ich in dieser Fülle sehen, anfassen und beschnuppern kann.

Botanischer Garten Barcelona

Bevor wir weiter fahren, wird repariert. Das Rad vorne kurz abgeschraubt, die Bremsteller sauber gemacht, mein Sitz endlich gefügig und wir sitzen wieder im Bus.
P.S. Die Teller heißen Bremsscheiben. Ich hätte sie auch als Teller verwenden können. Aber ich bin auf dem Gebiet keine Fachfrau. Ich assistiere und lerne geduldig.


Hunger treibt uns in den nächsten Supermarkt, weil bio gibt es hier nur im Supermercator und Co. Die Supermärkte sind dafür gut aufgestellt und wir schlemmen uns durch. Alles lecker.


Tarragona nutzen wir für einen kurzen Zwischenstopp. Als Wünscheerfüller finde ich sogar noch eine offene Lotteriebude. Yeah. Wir spielen El Gordo. Das teuerste Los, was ich je bezahlt habe. Aber er ist es, der diesen Wunsch auf der Liste hat. In zwei Tagen sitzen wir dann gemeinsam mit Einheimischen im Café, um die Auslosung mitzuerleben. Das ist wie Weihnachten und Sylvester auf einen Tag… wenn man gewinnt.

Tarragona

Wir übernachten mitten in Reisfeldern. Richtig anschauen können wir unseren Platz erst am Morgen, da die längste Nacht des Jahres auch hier gegen 18.45 Uhr das Licht ausknippst. Wir erlauben uns irgendwo im Nirgendwo ein kleines rituelles Feuer zu zünden. Zur späten Nacht bläst der aufkommende Sturm nicht nur das Feuer aus, sondern auch unsere Asche wie Glühwürmchen Richtung Wasser.

… Glühwürmchen, Sternenhimmel, Sturm, Wärme, Schlafen…

Der Sturm ist so gruselig.
Man kann ihn hören, bevor er aus den Bergen runter fällt und uns richtig durchschüttelt. Alle zwei Stunden wiederholt sich dieses Spiel. Puh. Ich will hier weg!
Zwei Tage später erfahren wir durch Nachrichten aus der Heimat, dass es doch kein einfacher Wind gewesen sein kann. Wieder einmal ein Unwetter, was ein Synchro namens Humboldt uns standfest aushalten lässt.

Am nächsten Morgen: Zweihundert Meter hinter den Reisfeldern ist das Meer, von Menschenhand verändert. Kleinen Fischerhafen dem Wasser abgerungen und wohl Menschen Lohn und Brot bringend. Schön ist das nicht, aber brauchbar. Auch Strom scheint hier erzeugt zu werden: mit der beeindruckenden Spirale von Sokrates. Mittels Spirale wird das Wasser hochgepumpt oder besser gesagt geschöpft. In der Dimension habe ich die Spirale noch nie gesehen. Immer nur als witziges Spielgerät auf anspruchsvollen Kinderspielplätzen. Wir genießen auf engsten Wegen, die eigentlich ja nur Dämme sind, diese Begegnung mit der Urkraft des Meeres.
Wenige Kilometer südlich wird das Wasser wie zu römischen Zeiten genutzt.

Wir nähern uns stetig Valencia und dem riesigen Anbaugebiet unserer geliebten Zitrusfrüchte. Ein Eldorado schlechthin. Und alle Flächen mit Bewässerung. So stelle ich mir einfaches Know how im Gartenbau vor. Anstelle kurzlebiger und intensiver Anlagen, die nur dem Trend entsprechen. Mit Nachhaltigkeit hat das wenig gemein.

Getreu unserer Liebe zum Meer bewegen wir uns weiter gen Süden – die Küste im Blick. Zwischen Orangen-, Mandarinen- und Kakiplantagen finden wir einen Weg.
Ein beim Bau von Bewässerungsgräben entdecktes römisches Landgut. Hier machen wir Rast. Auf der kleinen Plantage nebenan wird gerade geerntet. Die Jungs sind gut drauf.
Wir fragen einen älteren Herrn, ob er uns Orangen verkaufen mag und dürfen ein paar in seinem Garten pflücken. Bezahlt haben möchte er nix und wünscht uns ein gutes Neues Jahr. Hungrig verschlingen wir die erste echte Valensina. Lecker. Wir wollen mehr.

Zwischen den vielen noch bewirtschafteten Bereichen gibt es immer wieder aufgegebene Felder. Wir ernten für die kommenden Tage und vor allem Weihnachten Orangen, Mandarinen und Kakis. Ein Fest.

Kakibäume

Ein bisschen faul sind wir inzwischen geworden, so dass wir uns einen ruhigen Platz direkt am Mittelmeer schon früh am Tag suchen.
Da M. so gern am Auto bastelt, braucht er Zeit. Es gibt noch so viel am Auto zu verändern. Und eines haben wir seit Barcelona: Zeit.
Dieses Gefühl kenne ich seit 30 Jahren fast nicht mehr. Ausatmen und genießen: Zeit! Fast hatte ich vergessen, dass es sowas gibt und dass ich selbst in der Hand habe.

Platja de Nules

Die Nacht direkt am Meer genießen wir wieder mit einem kleinen Feuer aus gesammeltem Holz. Ein bisschen versteckt, werfe ich ein. Denn eigentlich ist freies Campen wohl nicht erlaubt. Bisher haben wir nur gute Erfahrungen gemacht. Und überhaupt gefällt uns die ruhige spanische Lebensart. Viel anders als erwartet. Auch auf den Straßen geht es ruhig zu. Wir haben auf der ganzen Strecke keinen einzigen Unfall gesehen.

Wir brauchen wieder Wasser. In Barcelona war das Wasser gechlort. Zum Glück habe ich einen Wasserfilter mit. Chlor gast gut aus, aber der Geschmack des Wassers muss schon stimmen. Eine ganze Ladung schütten wir weg. Unterwegs bei Nules haben wir uns mit Wasser eingedeckt. Das hat so brackig geschmeckt, es ging bzw. trank sich gar nicht. Als passionierte Teetrinkerin brauche ich einigermaßen gutes Wasser. Der Kalkgehalt aus der Heimat ist für Tee an sich ein no go und Chlorgeschmack geht ebenso wenig.

Kurz vor Valencia machen wir eine Pause in … bei der Quelle von Sant José. Zum einen hat sich das Tanken hier gelohnt, Aldi statten wir das erste Mal seit Deutschland einen Besuch ab, aber eigentlich: weil hier eine Quelle bzw. ein unterirdischer Fluss in einer Grotte zu bestaunen ist. Das Wetter ist traumhaft, warm, sonnig und wir schauen uns den Ort ein wenig an. Campertreffen auf dem großzügigen Parkplatz. Wer`s mag, ist hier willkommen: Spanien, Niederlande, Deutschland, Russland, Teschien… Wir fahren später weiter.

Die Grottenlandschaft darf man vom Boot aus bestaunen und erkunden. Beeindruckend in jeder Hinsicht. Später testen wir einen der vielen Wasserspeier; die stille Hoffnung auf gutes Bergwasser trage ich stets bei mir. Doch auch hier ist das Trinkwasser ausreichend mit Chlor angereichert. Inzwischen kann ich es von weitem riechen.

Zwei Dinge sind uns auf unserer Reise wichtig: das immer frische und hochwertige Wasser und die Möglichkeit auf Toilette zu gehen. Unser Porta Potti haben wir dabei. Ich möchte es auf keinen Fall missen. Ein winziges Toilettchen, aber in jeder Hinsicht sehr gut zu gebrauchen. Ab und an müssen wir es entsorgen und da wir ohne Chemie arbeiten, geht diese Aufgabe relativ unkompliziert. Auch hierfür benötigen wir regelmäßig Wasser. Das darf dann gern gechlort sein.

Wir passieren Valencia und suchen uns zum Abend einen super schönen Platz am Meer südlich der Stadt. Ein Eldorado: direkt am Parc Naturales und am Meer. Hier bleiben wir über Weihnachten stehen. Ich hätte mir noch ein paar coole Mitcamper gewünscht, aber alles kann man auch nicht haben.

Am ersten Weihnachtstag schauen wir uns Valencia an und sind von der Stadt, der Architektur und der Mentalität begeistert. Es gefällt uns hier. Ich bin allerdings die einzige, die hier großzügig ohne Strümpfe und nur in Schlappen durch die Straßen läuft. Ich fühle mich etwas unwohl. Heute sind Pelze und Stiefel angesagt bei immerhin 27° Grad in der Sonne. Ole.

Die Geschäfte sind ganz klar auch im Winter mit Klamotten nicht zu toppen. Also muss der Pelz und auch die Mütze im Winter bei über 20°Grad getragen werden. Ich bin a little bit amused und die Spanier sicher von mir und meinem hippieähnlichem Aussehen.

Wirsind lustig weiter auf Erkundungstour. Aber heute fahre ich.
Darauf war ich nicht vorbereitet. Schließlich bin ich die geborene Co-Pilotin und manage alles nebenbei. Und so wird diese Tour etwas ungewöhnlich, weil kein Ziel vom Co-Piloten eingegeben wurde. M. beobachtet hingegen mein Fahren und die Landschaft vom Beifahrersitz aus. Diese Position nimmt er so selten ein, dass er nur am Wundern und Staunen ist.
Ich nutze unauffällig eine kurze Pause und suche unverzagt drei interessante attractions am Wegesrand für uns heraus.

Das erste Ziel: Cova del Bolomor. Wieder mal eine Höhle aus vergangenen Zeiten…


Bolomor … die erste Behausung

Manchmal wird nicht das Ziel, sondern der Weg dorthin interessant.
Zum einen landen wir mitten in einer Orangenanlage, nicht Plantage, die frei zum Ernten zur Verfügung steht. Wir sind sofort im Rausch. Sind die süß und lecker.
Zum anderen ist der Weg zur Höhle aufregend, weil botanisch ausgeschildert. Endlich wieder ein bisschen Fachwissen über die Flora Mediterrana. Das Herz lacht. Zwei Gehölze, die ich noch nicht bestimmen konnte, aber an jeder Ecke zu finden sind, einsortiert ins Hirn. Herz und Seele sind begeistert. Am Ende auch der Bauch. Wir knabbern die Schoten vom Johannisbrotbaum. Die Schoten habe ich zwar schon sooft auf der Erde liegen sehen, aber konnte sie nicht zuordnen. Also sammeln wir neben Orangen auch noch die geschmackvollen Carobschoten ein.

Die Höhle selbst ist geschlossen.



Wir fahren weiter und unser Navi linkt uns erneut. Ich sitze zum Glück wieder an meiner Co-Pilotin-Position. Ein normaler Bus schafft 28-50% Steigung, der Synchro schafft 54-70% Steigung. Sonst wären wir hier rückwärts gerollt. M. fährt solide die Straßen rauf und runter. Eigentlich waren wir wieder mal auf der Suche nach Wasser, aber wir stehen irgendwo vor einem verlassenen Castell, das mit dem Auto kaum erreichbar ist. Mit Wasserkanister ausgerüstet, müssen wir auch zu Fuß bald aufgeben. Hier gibt es gar nichts mehr. Außer private Wohnbereiche.

Barcelona

Blick von der MNAC

Nach zwei Tagen haben wir uns an die Metropole und ihre Eigenarten gewöhnt:
Tourismus ist hier an jeder Ecke das Zauberwort. Man könnte es auch mit money, money übersetzen. Das macht mich ein wenig betroffen. Ich habe selten erlebt, dass Tourismus so verhurrt wird. Sicher ist es ein Problem, die vielen Millionen von Menschen jährlich zusätzlich aufzunehmen. In Berlin ist es ähnlich zu erleben. Aber ein wenig Charme darf sich so eine besondere und attraktive Stadt bewahren.

Der Hafen, der auch heute noch wirtschaftlich von Bedeutung ist

Barcelona hat für mich viele schöne Ecken, die wir zum Glück im Winter mit weniger Ansturm und Menschen erleben durften, als es im Sommer vorstellbar ist.
Aber ganz persönlich bedeutet für mich diese Stadt: Offenheit. In jeder Hinsicht.
Nicht von ungefähr wirkt Barcelona wie eine Spielbühne der Architektur. Das ist beeindruckend und macht Spaß. Selten habe ich in einer europäischen Stadt so viele verschiedene Handschriften unterschiedlichster Bauarten bewundern können.

Allen voran GAUDI. Von allen Seiten hört man im Vorfeld: das musst du gesehen haben! Die große Kirche, an der immer noch gebaut und gewerkelt wird, ist mir zu heftig. Ich entscheide mich für mein Thema: den Park. Und bin mit meiner Auswahl mehr als zufrieden. Einen ganzen Tag lassen wir uns Zeit. Genießen die verschiedenen Blicke, das Wetter und die etwas entschleunigte Stadt.

Am Nachmittag tummeln wir uns ein zweites Mal im Menschenmeer des gotischen Viertels. Auch diese Ecke ist einen Besuch wert.

Alles in allem war Barcelona eine Reise wert. Das Parken mit dem Bus ist eine Katastrophe. Darüber muss man sich Gedanken im Vorfeld machen. Da wir eine Wohnung aus persönlichen Gründen benötigten, musste Humboldt auf einen bewachten Parkplatz. Viel Spaß beim Suchen und Bezahlen.

Südfrankreich – wir nehmen den Mistral

Sarlat  – eine Stadt zwischen Höhlen und Grotten. Regen begleitet uns. Den ganzen Tag. Trotzdem genießen wir die Stadt und schauen uns in dieser wunderschönen Ecke Frankreichs um. Kleine hübsche Gassen wie typisch für Region und Land.
Auch in unserem Auto haben wir inzwischen eine Höhle – eine Tropfsteinhöhle. Wir brauchen dringend Wärme und trockene Luft. Draußen regnet es im Dauerlauf und es fängt an zu stürmen.

Landschaft mit Höhlen

Carcasonne ist unser nächstes Ziel- Auf dem Weg dorthin besuchen wir ein Bio-Weingut. Das gefällt uns: ein junger Landwirt, der mit seinem Vater seine Existenz als Winzer aufbaut. Der Wein schmeckt. Mhhh. Eine Flasche nehmen wir mit. Für mehr reicht unser Platz nicht.

Die karg wirkende Landschaft ist bekannt für Eichen (Trüffel), Walnüsse und Maronen. Zumindest begleiten uns diese Bäume seit Tagen auf unseren Pfaden. Aber auch Wacholder ist überall zu finden. Ich nasche beim kurzen Austritt schnell ein paar Beeren. Lecker.


Wir fahren bei Dauerregen bis kurz vor Carcasonne. Der Regen wird vom Sturm gepeitscht. Wir sehen kaum noch etwas. Die Straße ist schlecht zu fahren, weil um die Berge schlängelnd. Ich schaue nebenbei auf das Wetter: hier ist etwas faul. Unwetterwarnung: violett. Bedeutet höchste Alarm-Stufe.
Da wir kaputt sind, die Blätter wie Glatteis und die Unwetterwarnung Unsicherheit aufkommen lässt, bleiben wir irgendwo im Nirgendwo stehen. Eine Stunde später parken wir um. Der böige Sturm nimmt immer noch zu.

Am kommenden Morgen (das Auto und wir sind mehr als durchgeschüttelt), sehen wir, dass wir direkt an einem Stausee stehen. Ein ganzer Ort mit Spielraum für Camper. Allerdings im Winter verlassen und ruhig. Außer wenn es stürmt…

Der Weg nach Carcasonne zeigt uns am nächsten Morgen wie gut unsere Entscheidung war. Wassermassen entlang der Straße, umgefallene Bäume und viel Altholz.
Wir erreichen die Stadt am Mittag. Es regnet und stürmt weiter. Das viele Wasser können wir im Fluss Aude wiederfinden – das Ufer ist nicht mehr zu erkennen. Das Wasser steigt und steigt. Wir gehen erst einmal auf die berühmte Burg (Pegelstand innerhalb einer Stunde von 2,10 auf  2,50m). Ganze Bäume schwimmen im Wasser. Naturgewalten. Wir mittendrin.

Cité/ Carcasonne


Die Burg ist beeindruckend groß und in der Burg eine ganze Stadt. Es regnet und peitscht weiter. Das macht die Tour etwas müßig. Nässe sind wir inzwischen gewohnt. Also gehen wir noch in die Altstadt und schauen uns um. Wenige hübsche Läden, mehr Mainstream. Das ist nichts für uns. Wir lieben die individuellen Dinge, im Alltag wie auf Reisen. Dann Meer – genaugenommen Mittelmeer. Das Wetter bleibt beständig nass. Der Wind hat etwas nachgelassen.
Die Landschaft, die uns begleitet, ist auffallend anders. Karg und ausgeräumt. Kaum Landwirtschaft. Weinanbau und Steine. Die anrührende Romantik der Dordogne ist passè.

Wir fahren bis kurz vor Narbonne. Irgendwo im Dunkeln suchen wir uns einen Platz in einer kleinen Stadt. Wieder eine unruhige Nacht mit starken Böen. Dieses Mal schlafe ich besser, keine umstürzenden Bäume in der Nähe.
Am Morgen guckt die Sonne das erste Mal ins Auto. Sonne???

Ich will ans Meer.
Wir haben uns die Ankunft bewusst für den Morgen aufgespart, um es sinnlich zu erleben. Und was für eine Freude: Sonne, Wärme und Wind. Das genießen wir. In einer ganz kleinen Bucht bei Narbonne/ Barges halten wir uns Stunden auf. Alles darf raus, alles darf trocknen. Der immer noch böige Wind macht das richtig gut Und wir lassen die Seele baumeln: M. beobachtet die Flamingos, bastelt am Auto, genießt die Sonne und ich zeichne.


.Am Abend stehen wir bei Bales im Parc Naturel und laufen durch die wunderschöne Landschaft. Was für ein Duft. Ich bin total begeistert. Und im Hintergrund das rauschende Meer.

Ich muss in die Botanik und wissen, was hier alles wächst. M. hingegen philosophiert über Berge und Schnee der Pyrenäen, die am anderen Horizont in den Himmel ragen. Ich bin froh, weit weg von Schnee, Nässe und Kälte zu sein.

Traumhafter Morgen mit Sonnenaufgang


Ich belese mich, wie viele verschiedene Kiefernarten es in der Region gibt… viele. Ich dachte, wir sehen überall Pinien und sammeln die leckeren Kerne. Weit gefehlt: Seekiefern, Bergkiefern, Aleppo-Kiefer… und auch ein paar Pinien ohne Zapfen.
Der Duft im Naturpark ist auf jeden Fall durch die hier wachsende Kiefern intensiv.
M. pflückt begeistert Mandeln, nachdem ich ihm welche zeige. Und ich genieße einfach nur die Ruhe, die Sonne und den ausgeprägten Duft.

Die Jäger kommen in die Weinfelder und jagen Hasen. Wir müssen uns sputen.
Wissen ja nicht einmal, ob wir in dieser Einöde überhaupt sein dürfen.
Fünf Minuten später fahren wir an aufgeregten Jägern und ihren Bracken vorbei.

Weiter geht’s Richtung Mittelmeer – immer der Küste entlang. Eine wunderschöne Route mit gut ausgefahrenen Straßen und Serpentinen. Deutsche verirren sich bis hier her wohl eher selten. Aber die Gegend gleicht purem Urlaubsfeeling. Der Charme von Frankreich ist wenig zu spüren. Das Meer gleicht das zu 200% aus.


Port Vendere – ein richtig schöner Ort am Meer – fahren wir zum Wasserholen an. Der Weg dorthin ist traumhaft. Blaues Wasser, Klippen, Menschen, Stadt. Alles. Und Sonne.

Abends fahren wir über die spanische Grenze, Serpentinen rauf und runter. Aufgeregt bleiben wir kurzerhand im ersten Ort stehen – Colera. Der Name hat es in sich. Wir auch. Und es war die richtige Entscheidung vor der Fahrt nach Barcelona.

Barcelona empfängt uns unterkühlt. Bis auf die Tatsache, dass wir unsere Hausaufgaben gemacht haben, klappt an sich nichts. Schade.

Sonne und Meer satt

… und weiter durch Frankreich

Beginne deinen Tag nicht mit den zerbrochenen Stücken von gestern. Jeder Tag, an dem wir aufwachen, ist der erste Tag vom Rest des Lebens.

Eine ruhige Nacht am Ufer der Loire. Der einzige der diese Nacht stresst, ist mein gepeinigter Mitbewohner. Es ist nicht einfach, gesund und glücklich zu sein. Entweder oder? Nachdenklich. Alles muss raus. Unten wie oben. Aber ich habe gut geschlummert und kann als Stütze da sein.
Trotz alledem darf man jeden Tag genießen, soweit man seine Hausaufgaben erledigt. Dass das nicht immer einfach ist, weiß jeder. Doch frage ich mich, inwieweit man vor lebenswerten Aufgaben die Augen verschließt. Wo liegen die Ursachen bei jedem von uns? Es ist doch alles da.

Mein physikalischer LIEBLINGssatz ist der ENERGIEerhaltungssatz.

Und wenn ich den runter breche auf ein MENSCHENLEBEN, wird mir immer wieder bewusst, dass auch hier die Energie nicht endlich sein kann. Also muss ich schauen, wie ich mit mir und meinem Leben haushalte. Zumindest ist das in meinem Kopf so.
Da es ist, wie es ist, wandern wir die Loire entlang.
M. darf sich ausruhen, schlafen, trinken; um wieder in seine Kraft zu kommen. Ein ganzer Tag in Ruhe tut uns beiden gut.

Mehr als eine Woche mit Humboldt in der Botanik…
Wir stehen mitten in Frankreich, waren in Orleans ohne uns die Stadt anzuschauen, aber haben die Nähe zur Loire genossen. Die Kühlung ist desolat, so dass wir uns um einen Service vor Ort kümmern müssen. M. kann zwar fast alles selbst reparieren, doch diese wichtige Ersatzteil liegt zu Hause. Wir haben das ganze Auto auseinander genommen, um festzustellen, das genau dieses Teil nicht an Bord ist. Mist.
Wir beschäftigen uns mit sortieren und guten Wassertankstellen. Gutes Wasser an Bord zu haben, ist ein Traum. Damit füllt sich schon ein Teil unseres begrenzten Raums.

Der Kühlerflansch hatte ein Leck. Am Morgen stehen wir vor der Teilewerkstatt und nach über einer Stunde gibt es eine Lösung: ein Bullihändler kommt mit seiner deutschen Frau zufällig in den Laden und weiß sofort bescheid. Er bietet uns seine Hilfe an und überlässt uns seine Werkstatt. Das kaputte Teil bekommen wir von einem Kollegen, der noch einen Motor zu stehen hat. M. ist überglücklich und wir rattern die 6 km durch Olivet.
Nach knapp einer Stunde sind wir wieder fahrbereit und bedanken uns herzlich, lassen eine Flasche unseres selbst produzierten Cidre und unsere Adresse dort. Alle sind happy.

Jungfrau von Orleans = Jeanne d’Arc


Endlich… wir machen uns auf den Weg Richtung Dordogne. Als nahes Ziel haben wir uns die Höhlen und die Landschaft dieser Region rausgesucht. Lascaux gehört zu meiner blühenden Fantasie aus Kindertagen. Vorher machen wir einen kleinen Abstecher nach Nahont. Ich bin bekennender Fan von Georges Sand. Die Frauen dieser Zeit waren in ihrer Art und Hartnäckigkeit, ihrem Stil zu Leben (insbesondere das Liebesleben betreffend) großartig. Für mich. George Sand war eine viel gerühmte Schriftstellerin mit großer Bühne. Laut Google kamen wir rechtzeitig an ihrem Wohnsitz an, vor Ort schloss man gerade die Tür zu. Nun zumindest durften wir kurz den wunderschönen Innenhof betreten und eine Prise vergangener Zeiten einatmen.



Auto aufgeräumt bzw. sortiert. Zwei Menschen sind fröhlich, Platz. Mehr Platz. Tief durchatmen. Auch wenn so ein Auto die Freiheit möglich macht, hat man nicht automatisch das Gefühl von Freiheit. Jeder Tag bedeutet, sich neu zu begegnen und das auf allen Ebenen. Das tut auch Stunden weh, weil wir nicht täglich gleich ticken und unterschiedliche Bedürfnisse haben. Für mich bedeutet die größte Freiheit, zu reden. Miteinander statt gegeneinander. Die Reise ist unsere Jungfernfahrt – für uns und für das Auto.

wow… plastische Naturschönheit… Frau


Nach viel Regen, Wind und kühlen Temperaturen ist endlich Sonne angesagt. Kalt darf es auch mal sein, aber unsere Batterie freut sich genauso wie wir über wärmende Sonnenstrahlen. Wir fahren doch gen Süden…
Cascade des Jarrauds – des Wasser sammelt sich aus den Bergen. Unglaublich. Und rauschend. Doch viel interessanter für mich ist das satte Grün überall. Pflanzen, die ich in Gärten zur Gestaltung nutze, finde ich hier wildwachsend wieder. Moosbommeln hängen von den Bäumen. Von der Vielzahl der Flechten ganz zu schweigen.

Flechten

Saubere Luft, sauberstes Wasser. Reiche Landschaft. Eine große Gelassenheit ausstrahlend. Bestimmt nicht up to date.
Die Dordogne ist wunderschön. Doch hat sie auch für uns etliche Tücken. Auch wenn wir mit einem Synchro unterwegs sind, langsam und sehr gemächlich. Die Kurven sind alles andere als fahrtauglich. Es fällt und wirbelt um uns herum. Ausweichmanöver auf engen Straßen, gutes Wasser am Rande aufsuchend (Peyrat le Chateau) und in der nächsten Kurve im ganzen Auto verteilt. Literweise. Zu dumm, wenn man den Kanister bei den Höhen, Abfahrten und Windungen nicht ausreichend sichert.

Trotzdem genießen wir diese charmante wie reduzierte Naturlandschaft: die Berge, die Wälder, die rauschenden Wasserfälle  bzw. das Spiel zwischen Berg und Tal und wildes Wasser herab sausend. Stauseen, verlassene und wieder hergerichtete Landsitze. Die saubere Luft, die an den Moosen und Flechten gut erkennbar ist.

Moosbommeln

Wir fahren nach Gimel le Cascades. In der Dämmerung kommen wir im Vollmondlicht an.
Die Historie reicht weit vors Mittelalter zurück. Die verlassene und zerstörte Burg wird beschaulich ausgeleuchtet, so dass wir auch in der Dämmerung noch hochwandern können. Und gerade das macht es so einzigartig. Wir sind umringt von Wasser, was mit Getöse um die Burg rauscht. Beeindruckend. Fast Vollmond.
Nebelschwaden durchziehen die Täler. Ist das schön, diese Landschaft…


Später wieder Regen, eigentlich sind wir dem trüben Wetter in Deutschland davon gefahren. Hat nicht funktioniert. Es ist kühl bis kalt und nass bis Regen. Da müssen wir nun durch. M. kocht am Abend eine leckere (wie immer vegane) Hülsenfruchtsuppe. Nenne ich das mal. Erbsen, Bohnen, Linsen, Ingwer, Möhren und ein paar frische Kräuter von der Wiese.

Am Rande der Dordogne freue ich mich besonders auf die Cro-Magnons und deren Höhlen. Lascaux II wollen wir besuchen, Lascaux IV möchte Mitbewohner M. heute nicht. Wir stehen vor verschlossener Tür, es regnet. Die Luft ist schön, der Weg dorthin beruhigend. Die Natur sehr wohltuend.
Ich schaue mir an, was hier wächst. Macht Spaß.

Weiter zur nächsten Höhle. Auch hier werden wir erst einmal enttäuscht: nur mit Führung, die nächste in knapp zwei Stunden. Grummel. Hartnäckigkeit auf der anderen Seite. Wir warten im Bus und machen es uns gemütlich mit Tee und leckerem Essen vom Vortag.
Und dann geht es los in einer der letzten originalen Höhlen, die noch zugänglich sind. Purer Genuss: der Ort, die Gerüche, die Atmosphäre, selbst die Führung (französisch) macht Spaß. Die Frau hat Esprit und lässt uns in die Geschichte eintauchen.


Weiter geht’s nach Sarlat.

Eine Woche unterwegs

01.12.19
Makkum
Die erste Nacht im Benjamin Grün, dem Auto seiner Träume. Seiner…
Stunden, Tage, Wochen, Monate haben viele helfende Hände geschraubt. Mühsam, erfolgreich, verzweifelt, alles war dabei.
Ich war mehr stille Beobachterin, Hüterin und ab und an Retter(in) in der Not. Versorgungsstelle sowieso. Denn zum Ende der Aktion ‚Bulli bauen‘ gab es (oh Wunder) Zeitprobleme bzw. nicht vorhersehbare Nachtschichten. Und eine Menge Stress – gesundheitlich, zwischenmenschlich, aufeinander zugehen, weil voneinander abhängig gemacht und keine Zeit mehr miteinander verbracht. Thema Nummer 1 war das Auto.

Autoträume


Doch jetzt sind wir den ersten Tag unterwegs gewesen. In den ersten Advent hinein gefahren. Dabei wollte ich lange aus Deutschland raus sein. 14 Tage im Verzug.
Wenn man als selbständig arbeitender Mensch in Zeitrastern lebt, ist das etwas dramatisch ausufernd. Für jemanden der dieses System längst verlassen hat (aus welchen Gründen auch immer), spielt es hingegen eine untergeordnete Rolle. Nicht das Ziel ist interessant, sondern der Weg dorthin.
Deshalb bleibt mein begnadeter Autobastler auch im Großen und Ganzen unerwähnt. Er kennt dieses Auto besser als mich. Das wird sich sicher auf der Reise etwas ändern.

Die erste Nacht sind wir bis an die holländische Nordsee gefahren. Nach Makkum. Dann an die See und anschließend über das Jislemeer nach Amsterdam. Die Überfahrt dorthin ist sehr beeindruckend. Überhaupt ist einer der interessantesten Erfahrungen in Holland die Architektur. Hier sieht es ganz und gar nicht danach aus, als ob irgendeine Wirtschaftskrise greifen könnte. Es wird gebaut: höher, breiter, skurriler, mit- und gegeneinander. Das letzte Mal hatte ich dieses Gefühl der Größe von Architektur und Gelddruckmaschinen in Berlin nach dem Mauerfall.

Am Ijsselmeer finde ich auch gleich eine fast vergessene alte Bekannte: den Wildkohl. Das alleine schon ist eine ganze Episode wert. Die Entscheidung, gleichzeitig über die Pflanzenvielfalt ein paar Seiten mit einzufügen, ist sofort getroffen. Die Welt weiß inzwischen so wenig über unser Grundnahrungsmittel Nr. 2. Und ich liebe Grün, alles. Von Algen über Pilze bis hin zu essbaren Orchideen wie die Vanille. Man kann hier draußen so vieles finden, wenn man es kennt. Und es ist soooo gesund. Lecker dazu.

02.12.2019
Bevor ich jedoch die Reise fortsetze, entscheide ich mich, dem Bus einen passenden Namen zu geben: und nenne ihn Humboldt. Ich liebe Pflanzen, die Natur, das Leben draußen und das Erkunden fremder Regionen, das Botanisieren, Pflanzenjäger zu sein… und habe vor Jahren an der ersten Fakultät der Humboldt-Uni studiert… das passt. Finde ich. Und freue mich darüber.

Schevenigen Strand


Die zweite Nacht am Strand. Beide Male besser als im eigenen Bett zu Hause geschlafen. Was noch wunderlicher ist, dass ich viel früher ausgeschlafen habe bzw. weniger schlafen möchte. Direkt an der Nordsee bringt auch eine gewisse Geräuschkulisse mit sich. So ein Platz zum Übernachten war nicht einfach zu finden. Das hatte ich mir entspannter vorgestellt. Dank Apps, die man sich in der Planungsphase runterlädt. Diese feinen, kleinen Plätze sind auch in keiner App verzeichnet. Aber M. ist da ziemlich hartnackig, wie er so schön sagt. Am liebsten direkt am Strand – also über oder auf den Dünen. Doch da mich meine Nachhaltigkeit und meine Naturverbundenheit daran hindert, bleiben wir vernünftig und stehen artig davor.

Spuren

In Makkum haben wir beispielsweise im alten Hafen gestanden. Direkt für Camper gemacht. Nur nicht ausgeschildert. Klein, beschaulich mit Sanitäranlagen.
Die zweite Nacht haben wir in Scheveningen, einem (kaum zu fassen) ehemals kleinen Fischerdorf (laut Google) verbracht. Das ist alles andere als nachvollziehbar. Hier ist eine so groß dimensionierte Stadt entstanden. Wir waren völlig verloren in dieser mondän wie superlativ wirkenden Ecke Hollands. Trotz alledem standen wir nach kurzem Suchen direkt an der Nordsee. Wieder wunderschön. Zumindest als wir am Morgen aus der Tür traten. Der Morgen war atemberaubend, mit doppeltem Regenbogen, großen Wassertropfen von wirbelndem Wind und Sand durchmischt, lautem Gehämmer der Baustellen am Strand und einer unendlichen Weite des Meeres.
Wieder ein Stellplatz, den man kaum findet.
Tipp: da wir gern am Wasser oder am Strand übernachten, wird ungeahnt Google Maps (Satellit) eine echte Hilfe. Überhaupt läuft alles nur noch über Google. So kommen wir an alle Infos, Plätze, manchmal mühsam, meistens unkompliziert.
Draußen sind die Tage und Nächte froschig, wie M. immer sagt, was mit einer funktionierenden Standheizung trotzdem machbar ist. Die Nächte sind dadurch sehr entspannt friedlich. Naja fast.

Die übliche Prozedur eines Campers im Bullis heißt: räumen. Immer wieder. Hin und Her. Und das zelebrieren auch wir in gelassenem Miteinander. Die größte Herausforderung dabei ist, Rücksicht aufeinander zu nehmen. Ich muss mich nur sortieren… das ist der Satz, den wir sehr oft auf unserer Reise sagen werden. Platz ist gerade nicht der gewohnt häusliche Luxus (mit schlaffen 160m² Wohnfläche). Jetzt haben wir zusammen etwa 4m². Die einzige Befürchtung, dass ich mich in meinem großen zu Hause verlaufen werde.

03.12.
Heute stand Rotterdam auf der Liste: Piet Ouldof hat seine Spuren auch hier hinterlassen. Doch schon bei der Recherche war nicht wirklich viel zu finden. Direkt an der Maas dann ein kleines Denkmal der Stadt mit Hochbeeten arrangiert. Deshalb hätte man nicht hierher fahren müssen. Wir nehmen uns viel Zeit, um den Bulli, die viele Fracht und den noch nicht funktionierenden Luxus (wie Radio) fertig zu stellen. Der Bus muss ab und an umgepackt werden.
Ich habe ihn voller Essen gestapelt. Gutes Essen. Das ist mir ein Bedürfnis.
Rotterdam ist eine pulsierende Stadt mit kaum zu überbietender Architektur. Mich haut das einfach um. Wenn jemand Architektur studieren möchte, dann ist Holland ein Muss. Wer Melioration lernen möchte, kann nur in den Niederlanden studieren. Ich bin bekennende Liebhaberin von gutem Handwerk. Melioration – also das Beherrschen von Be- und Entwässerung kann man nicht besser als in den Niederlanden verstehen, studieren und auch umsetzen. Deutschland, da hast du echt geschlafen. Wir hatten vor mehr als 30 Jahren diesen Studiengang. Und ich vermisse das heutige Verständnis für einen vernünftigen wie nachhaltigen Umgang mit Wasser.

Tipp: Piet Ouldof ist einer der wichtigsten Landschaftsgestalter der Moderne. Da ich eine ähnliche Art der Gestaltung für Gärten favorisiere und auch umsetze, ist es mir ein Bedürfnis, beispielhafte Ecken in Europa zu besuchen. Rotterdam hat Piet mir persönlich empfohlen. Aber das war sicher mehr aus Verlegenheit. Leider hat die private Gartenanlage der Familie Ouldof seit einem Jahr geschlossen, was ihnen von ganzem Herzen gegönnt sei. Nach einem langen und letztlich auch erfolgreichen Arbeitsleben darf man sich im Alter getrost zu Ruhe setzen. Ich wünsche mir später einen ähnlich gelungenen Austritt aus dem Arbeitsleben.

Tipp: in der Metropole ganz unscheinbar im Wasser liegend – eine Menge an Hausbooten. Wenn Mieten immer höher steigen, eine Möglichkeit auszusteigen.

04.12.
Brügge steht als nächstes auf der Reiseroute. Doch vorher wieder ein Abstecher ans Meer nach Bergen. Bergen zum Übernachten. Wieder am Wasser. Laut App (Outlander…) ein Stellplatz in Sicht. Bald werden wir auf solche Apps verzichten. Wenig alltagstauglich für uns.

Bergen – mal nicht auf Rügen

Wir überbrücken die Strecke zwischen Rotterdam und Brügge (Wunsch von M.) und stehen in dieser befremdlich wirkenden Stadt. Mäces gibt es in den Niederlanden übrigens überall, so dass wir hier ungezwungen die Toiletten nutzen können. Das werden wir auf unserer gesamten Reise wiederholen. Zum einen, um ins Netz zu kommen, zum anderen, um nach einem Expresso die sanitären Anlagen aufzusuchen. Essen bevorzuge ich slowfood. Grins.

Brügge: schöne Stadt. Kann man, muss man nicht. Wir laufen die Straßen rauf und runter. Bewegung tut uns gut nach dem Sitzen im Auto. Und am Ende des Tages, wir schlafen mit dem Bulli mitten in der Stadt, finden wir endlich mal einen Laden mit Biofrischeprodukten. Was für ein Fest am Abend: Oliven, Paprika, Pasten. Lecker.
Vor der Nachtruhe überrede ich den müden Mitbewohner, die Lightshow von Brügge zu erleben. Eine schöne Idee, die auch in Amsterdam im Winter zur Attraktion wird. Also schauen wir uns an, was bestimmt in deutschen Landen noch Zukunft hat. Überhaupt ist die Weihnachtszeit eine schöne Zeit hier in Frankreich.

05.12.
Weiter nach Rouen. Ziel ist in 10 Tagen Barcelona. Die Route hatte ich mir zuvor zurecht geschrieben. Doch durch zwei Wochen Verzug, können wir nur die Normandie besuchen. Für einen ausgiebigen Abstecher in die Bretagne fehlt die Zeit. Hinzu kommt das wirklich kühle Wetter. In Deutschland hingegen ist es mild.

Ferme biologique du Bec Hellouin – erster Versuch am Abend
Die Farm Hellouin ist eine Farm, die ich mir unbedingt ansehen möchte. Wir erreichen sie kurz vor 17.00 Uhr. Laut Internet hat der Hofladen geöffnet. Aber hier ist gar nichts geöffnet, kein Tor, keine Tür, kein Fenster. Wir fragen kurzerhand beim Nachbarn nach, der versichert, dass jeden Freitag die Tore offen stehen. Da es ein weiter Weg bis hier war, entscheiden wir uns, einen zweiten Anlauf am morgigen Freitag zu nehmen.
Müde finden wir in Brionne eine ruhige Ecke zum ausgiebigen Abendbrot und Ruhen am See. Die Nacht ist wunderbar entspannt. Keine Autos, keine Heizung, nur die Stimmen des Regens und der Vögel vom Wasser. Seele lacht und schläft gelassen ein.

06.12.
Kalte Tage und Nächte… die Heizung hat sich verabschiedet. Und es hat sich wunderbar geschlafen – ganz ruhig ohne Zwischentöne und Dauergeräusche. Mit dicken Betten ausgerüstet, passt das.
Trotzdem einmal die Batterien getauscht, weil die Sonne bei dem verhangenen Wetter nicht ausreicht, um zu laden. Und dann gefahren. Durch die Agrarlandschaft der Normandie. Ernüchternd leere Landschaft mit noch größeren Feldern als bei uns. Dauerwind auf den Straßen. Regen und Wind. Das beste Wetter zum Fahren. Der Sturm macht unserem Auto nix. Auch das runterfahren an den unmöglichsten Orten ist unerheblich. Mit Allrad sind wir echt entspannt.
Am Nachmittag habe ich Chartres als Ziel ins Navi eingegeben. Dort steht wieder mal eine beeindruckende Kathedrale Notre Dame. Die Städte der Region sind immer wieder schön anzuschauen, die Architektur so unterschiedlich seit dem Beginn unserer Reise. Eine Freude, sich jeden Tag die Kreativität und Lebensfreude der Menschen (aus vielen Jahrhunderten) anzuschauen. Wo bleibt diese Liebe in der heutigen Zeit? Das Bewahren des Erschaffenen, der Stolz und auch die Demut, hier beständig zu bleiben. Statt höher, breiter, weiter.
 

Illumination


Zur Dämmerung werden wir überrascht von der Illumination der Kathedrale und anschließender Prozession des Theaters (?). Die Stadt ist faszinierend. Nicht fassbar für uns, wie groß im Dunkeln. So genießen wir es im Altstadtkern dabei sein zu dürfen, dem Tanz der Eisbären und der Musik folgend.

Weiter nach Orleans – ich will an die Loire.

Wer schreibt hier

Ich bin Kristin. Ich nehme mir gerade eine Auszeit, um den Südwesten von Europa kennen zu lernen. Vor allem Menschen und deren Geschichten. Lebensgemeinschaften, die sich mit nachhaltigem Dasein beschäftigen. So wie ich.

Vor vier Jahren ist in mir der Wunsch entstanden, die Winterzeit einmal woanders als in Norddeutschland zu verbringen. Das ist nur ein Grund.

Mein erstes Ziel war Amerika. Das habe ich wieder verworfen.
In diesem Sommer kam eher zufällig ein Syncro T3 in meinen Besitz. Öko und Auto passte bisher nicht für mich. Seit 15 Jahren fahre ich Erdgas. Das alleine ist schon eine lange Geschichte…
Bald war jedoch klar: zusammen gehen, der noch orangefarbene Bulli und ich, auf grüne Entdeckungstouren. Vorerst nur im Winter.

Dabei muss ich voranstellen, dass sich meine Reise mit den guten Dingen des Lebens beschäftigt. Ich habe 25 Jahre Aufbauarbeit geleistet, viel gelernt, ausprobiert, Kinder groß gezogen, Häuser ökologisch saniert, Gärten angelegt und Nachhaltigkeit in meiner kleinen Welt vermittelt. Ich bin sehr neugierig wie es um mich herum aussieht. In diesem Thema. Für gute Tipps, Adressen und besondere Menschen und Orte bin ich total dankbar.


Mit dem Bulli unterwegs…


Wann geht’s endlich los?

Eines Tages wirst Du aufwachen und keine Zeit mehr haben für die Dinge, die Du immer wolltest. Tu sie jetzt. 
— Paulo Ceolho

Eine Woche noch, dann geht die große Reise los?
Nein.
Doch noch nicht…

Deshalb besuche ich in dieser Zeit entspannt Freunde auf verschiedenen Ebenen. Heute war ich mit Sigrid in den Pilzen. Wir lieben Pilze, aber es gab kaum noch welche. Wir lieben auch unsere intensiven Gespräche im Wald, in den Wiesen oder an der See, Hauptsache draußen.

Am Morgen habe ich meine berühmte Beinwellsalbe abgefüllt. Dafür ernte ich im Sommer besondere Lieblingskräuter in meinem Garten. Ich packe sie in ein hohes Glas und gebe Öl darauf. Beinwell, Johanniskraut, Frauenmantel, Schachtelhalm, Majoran, Eisenkraut.
Schön für sechs Monate in die Sonne gestellt und im Spätherbst abgeseiht. Farbe und Aroma sind wieder wunderschön in diesem Jahr. Eine Wohltat für Leib und Seele. Beinwellsalbe so zusammengebraut wirkt Wunder.

Nebenbei habe ich auch Propolistinktur gebraut. Allein der Geruch ist so umwerfend und ursprünglich. Eine Kombi aus Propolis und Beinwellkräuteröl packe ich in meine Reiseapotheke. Was packe ich außerdem ein: Heilerde, Mg, Jod, Kohle, Teebaumöl, Lavendelöl, Kaisernatron, Schwefel, Kokosöl für alle Fälle… und noch ein paar Insider aus der Kräuterapotheke.

Barcelona ist das erste größere Ziel meiner Reise. Bis zum 16.12.2019 möchte ich dort sein. Ich bin verabredet. Vorher unterwegs in Rotterdam, Amsterdam, Hengelo, der Normandie, entlang der Küste durch die Bretagne und dann runter nach Spanien.

In fünf Tagen sollte der Bulli auf dem Hof stehen. Das war der Termin zur Abfahrt. Verschoben. Inzwischen bin ich beim 25.11. angekommen. Aber dann geht es endlich los. Versprochen.