Gibraltar

Wir sind mit Familie Giri für Gibraltar verabredet. Für M. bedeutsam, denn eigentlich möchte er immer noch nach Marokko. Doch ohne Pass keine Chance. Da Gibraltar zwar britisch, aber kein anerkannter europäischer Staat ist, könnte es auch hier schwierig werden, meint Giri. Doch die Kontrolle ist unkompliziert. So steht  es auch überall geschrieben.

Unsere Autos lassen wir entspannt auf einem Großraumparkplatz vor den Toren Gibraltars stehen. Selten parkt man in Spanien so einfach, wenn man ein gemeinsames Ziel hat, dass viele Menschen anfahren. Aber heute ist Sonntag und alles entspannt. Schließlich sind die Briten genauso wie wir Deutschen am Sonntag in christlich ausgeprägter Ruhe.


Gibraltar erläuft man über ein Rollfeld. Rollfeld… Flugplatz, Militär. Alles beieinander und wir mittendurch. Das ist schon witzig und auch ein wenig komisch. Kampfflieger, kleine Flugzeuge, Polizei und große Rollbahn. Naja, die Rollbahn sieht aus wie ein privater Landeplatz. Ökonomisch gesehen, ist das perfekt gelöst. Grenzkontrolle, Flugplatz und Zoll – alles miteinander verbunden. In der Woche pressen sich hier 14.000 Menschen durch. Arbeiten auf Gibraltar.

Die Stadt wirkt unterkühlt und gedrängt. Da der Platz zum Wohnen und Arbeiten begrenzt ist, baut man auch hier in die Höhe. Alte Gebäude in schönem rustikalem, britischem Stil neben langweiligen Hochhäusern. Am Hafen alte Yachten und Segler. Aber Restaurants und Cafés auch hier wie auf einer Perlenkette gereiht.
Wir wandern nach zünftigen Cider und Guiness Richtung Soldatenfriedhof – ein beschaulich ruhiger und schöner Ort. Hier wollen wir Affen treffen. Die haben sich bei den Temperaturen in die Berge zurück gezogen. Lord Nelson ist hier gut aufgehoben.

Nach typisch britischem Mahl – Fish and Chips – genießen wir noch kurz den Sonnenuntergang und finden uns bald in dem weniger attraktiven Ort La Linea de Concepcion wieder. Da wir dringend Wasser benötigen, fahren und erlaufen wir im Dunkeln diesen Ort. Alle Wasserspender wurden abgestellt. Wie schade. Wir machen uns auf den Weg nach Tarifa. Einem Impuls folgend wählen wir kurzerhand den Strand hinter Algericas. Wir sind müde und möchten die Fahrt nach Tarifa bewusst erleben – mit Sonne und Meer. Die Entscheidung war genau richtig. Denn wie zufällig landen wir mal wieder auf einem Camperplatz im Nirgendwo. Ein Kommen und Gehen die ganze Nacht. Offensichtlich ein Geheimtipp für alle Marokkoreisenden. Wir lassen uns Geschichten auf deutsch oder englisch erzählen. Und wissen: nächstes Mal fahren wir auch rüber. Die meisten, die Richtung Marokko unterwegs sind, sind Aussteiger oder junge Familien. Der Rest sind Ehepaare, die schon die Rente genießen und das halbe Jahr in den südlichen Gefilden unterwegs sind. Oder auch Ehepaare, die einfach ihren gesamten Jahresurlaub zusammen packen und dann die Chance nutzen, ein paar Tage und Wochen länger unterwegs sein zu können.
Ich kann für mich feststellen: eine lange Reise gehört zu meinen Vorzügen. Deshalb habe ich sie mir über Jahre aufgespart. Für eine Woche wegzufahren, bereitet mir in der Übertragung des Hofes einfach zu viel Umstände. Aber die Wintermonate sind perfekt für einen Ausstieg über kurz oder lang.

Typischer Spot für kurze Übernachtung

Die Energie auf diesem Parkplatz berührt mich. Ist es der Ort, der so viele verschiedene Menschen vereint und ihre positive Energie ausstrahlt? Ein dreckiger Platz durchs Campen und trotzdem ein Platz, wo wir uns wohl fühlen. Das Meer gleich gegenüber.
In der Nacht blinken die vielen großen Frachter und manchmal hupen sie wie eine uralte Tröte, die sich die letzten dumpfen Töne aus dem Leib presst. Ist das schön.

Am nächsten Morgen hat M. eine geniale Idee: wir fahren von Beginn unserer Reise zwei lustige Solarduschen spazieren. Bisher vergessen und ohne Benutzung. Nun endlich kommen sie ans Licht. Am meisten freut sich M. Ich dusche unglaublich gern erfrischend kalt am oder im Meer. Für M. ist das ein no go. Und nun endlich hat er die Lösung: seine heißgeliebten nie benutzten Duschbags. So schaffen wir uns auf unserer Reise zusätzlich kleine Freuden und Überraschungen. Vor allem aber wissen wir, wofür wir manche Dinge mitgenommen haben. Diesen Luxus haben wir nicht nur vermisst, wir haben ihn verdrängt.

Wir haben eine Dusche

Tarifa
Endlich! Die Straße von Gibraltar bei strahlend blauen Himmel, wölkchenblau und Sonne.
Am berühmten Mirador auf dem Weg nach Tarifa halten natürlich auch wir an. Diesen einzigartigen Ausblick lassen wir uns nicht nehmen. Afrika zum Greifen nahe, eine einzigartige Aussicht mit imposanter Landschaft. Der Mirador ist eine Goldgrube für den Betreiber. Wissentlich hat er unendlich viele Kaffeetassen vorbereitet. Jeder, der hier ankommt, greift gern zu.
Wir merken erst jetzt den kräftigen Wind, der uns umschmeichelt. Nachdem wir uns viel Freude an diesem Platz gegönnt haben, fahren wir weiter zum südlichsten Punkt Europas, auch southernmost point of the continent genannt.


Tarifa ist aufgrund der guten Winde ganzjähriges Surferparadies. Und so empfängt uns der Strand auch: links zum Mittelmeer sitzen an eine weiße Wand gedrückt die sonnenhungrigen Sonnenbader. Rechts surfen und kiten die jungen Wilden um die Wette. Völlig im Rausch von Zeit und Raum gleiten sie durch das Meer. Ein buntes Treiben im tiefblauen Meer mit meterhohen Wellen. Zwischendrin laufen wir mit vielen anderen Touris neugierig Richtung Halbinsel. Die ist mit einem Tor verriegelt. Also genießen wir in vollen Zügen, dass wir uns einfach nur zwischen den Welten bewegen dürfen. Das Meer letztlich interessiert es wenig, ob es nun Mittelmeer oder Atlantik genannt wird. Es ist einfach da in ganzer Pracht, Naturgewalt und Fülle.

Tarifa schauen wir uns gern an, aber viel zu neugierig und gespannt auf Neues, fahren wir weiter die Küste entlang. Immer noch der Wunsch: Portugal!!!

Wir hinterfragen täglich die Ankunft unseres Briefes. Leider erfolglos. Eine Entscheidung muss her. Inzwischen sind wir zwei Wochen in Verzug. Nebenbei treibe ich uns weiter nördlich die Atlantikküste entlang. Vielleicht verzichten wir einfach auf ein letztes Mal Estepona.

Bolonia ist auf jeden Fall einen Abstecher wert an der Atlantikküste. Die Stadt liegt an einem wundervollen Strand mit imposanter Wanderdüne. Angrenzend sind wunderschöne Kiefernwälder, die zum Teil in bzw. durch die Dünen verschwinden. Wenn der Wind sie wieder frei legt, bleiben nur noch ihre Skelette zurück. Etwas mulmig ist der Anblick, der an einen Baumfriedhof erinnert.

Was uns weniger gut gefällt, ist der Plastikmüll hier am Strand. So legen wir Hand an und sammeln ein.


Baelo Claudia, einst eine römischen Stadt, direkt am Strand gelegen, schauen wir uns gern an. Interessant, denn die Römer nutzten seinerzeit die Nähe zum Atlantik für intensive Fischzucht. Überhaupt ist Andalusien von althergebrachten Aquädukten geprägt. Es scheint sich wenig geändert zu haben. Nur verwenden die Südländer heute leider Unmengen an Plastikschläuchen, die mit den zum Teil alten Wasserstraßen einfach verbunden werden.
Auch Los Caños de Meca statten wir einen erwähnenswerten Besuch ab.
Als Höhepunkt schlendern wir mehr zufällig als bewusst am Kap Trafalgar herum. Irgendwie erinnert man sich an die Schlacht von Trafalgar durch den Geschichtsunterricht. Zum Auffrischen: 1805 gelang es Admiral Nelson die spanisch-französische Flotte zu besiegen. Lord Nelson haben wir zuvor in Gibraltar auf dem Friedhof besucht. Dachten wir zumindest. Er hat bei der legendären Schlacht am Kap sein Leben verloren. Doch begraben ist er in London.

Wir genießen am Kap einen traumhaften Sonnenuntergang mit meterhohen Wellen. Der Weg dorthin ist witzig, weil sich hier so einige junggebliebene Hippies aufhalten.

Da M. unbedingt in die Werkstatt in Estepona muss, der Brief endlich in der Stadt angekommen zu sein scheint, lasse ich mich auf eine Rückfahrt ein. Immerhin bekomme ich allmählich heimatliche Gefühle, wenn wir zum vierten Mal in diese Stadt einreisen. Vorerst ein letztes Mal.

Die Werkstatt hat für unser Anliegen wenig Verständnis, so stehen wir später an unserem Lieblingsplatz in Estepona und werkeln am Auto: die Achse wird neu vermessen und händisch eingestellt. Ich assistiere.

Maßband und Schraubenschlüssel sind mehr wert als jede Technik. Spur und Sturz wurden im vor der Fahrt im leeren Zustand des Autos vermessen. Vollbeladen ändern sich die Einstellungen.
Tage später basteln wir ein Lot aus Bindfaden und Nuss, um auch den Sturz neu zu justieren.

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