Es geht wieder los

Weihnachten 2022

Ein lang geplanter Start bzw. Traum wird wahr.
Seit Wochen steht die Frage im Raum: fahren wir noch los? Auch dieses Mal um Wochen verschoben, weil das Auto eine Menge Zuwendung braucht. Allerdings bin ich mir wirklich nicht sicher, ob das Auto oder der Schrauber mehr Zuwendung benötigt. Das Auto wartet schließlich auf uns, um einfach einzusteigen und loszufahren. Aber Schrauber und Auto sind sich da ziemlich einig und wenn der eine nicht will, will der andere auch nicht. Deshalb übe ich mich wie schon einmal 2019 in tiefer Demut. Nebenbei organisiere ich alles Wichtige hin und weg, je nachdem, was gerade bedeutend zu sein scheint.

Am ersten Weihnachtstag spielen wir dann Knecht Ruprecht: Holter die Polter geht es los. Davor gibt es noch ein gediegenes vegetarisches Menü in Familie. Und dann wird es höchste Zeit. Denn diese Zeit wartet tatsächlich auf nichts und niemanden. Sie läuft einfach beständig weiter. Unser Ziel heute: mindestens Frankreich. Kurz vor Gelsenkirchen tanken wir in Marl. Laut Internet und Mensch soll es in Belgien und Frankreich teurer sein. Niemand weiß, wie der Preis sich entwickelt. Also nehmen wir in Deutschland die volle Dosis. Der Spritpreis und das Portemonnaies ächzen.

Nebenbei melde ich mich per WA bei meiner Rohkostfamilie, die mir sehr am Herzen liegt. Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen. Und prompt kommt eine Antwort, wir halten für einen Abstecher und ein freudiges Wiedersehen im Ruhrpott an. Wir haben uns viel Gutes zu erzählen, spät ist es auch schon am zweiten Weihnachtstag, so fahren wir noch zwei, drei Stunden durch die Nacht, um irgendwo in Belgien anzukommen.

Am nächsten Tag gucken wir uns ein wenig um, genießen das kleine, feine Land. Ich mag an Belgien die reduzierte Bauweise und die fast immer gut gestalteten Gärten. Da schau ich mich beim Fahren satt, dass langsames Fahren und die Landschaft genießend. Entzerren, was in den letzten Wochen zu aufreibend und erschöpfend war.

Neben meiner Begeisterung für das Land muss ich das Müllproblem ansprechen, denn damit scheinen die Belgier sich ungern auseinander zu setzen. Schade, dass die Landschaft voll von Plastik und Abfall ist. Auch wenn in Europa niemand behaupten kann, dass der Müll nachhaltig entsorgt wird, muss er dennoch und vor allem nicht in der Landschaft landen.
Wir haben alle noch eine Menge zu tun, wenn wir gemeinsam diese schöne Welt erhalten wollen.

Es regnet seit Stunden. An einem Kriegerdenkmal mitten im Nirgendwo, in Maissin, halten wir kurz an. Es bewegt uns immer wieder, wenn wir in Frankreich oder Belgien sind, wie sehr sich unsere Vorfahren gegenseitig zerstört, unzählige Leben genommen und vernichtet haben. Früher nannte man es Krieg, heute werden andere Taktiken angewendet. Politik überlasse ich den besser denkenden Menschen, wohlwissend, dass sich alles wiederholt. Nur auf einem anderen Level.
Die Denkorte, nenne ich sie, geben mir immer das Gefühl, nicht richtig zu sein. Aber die Aufklärung der letzten Jahre hat glücklicherweise gezeigt, dass nicht die Menschen, sondern die Machthaber und Kriegstreiber verantwortlich sind und in die Pflicht gehören. Ein gutes Gefühl will sich trotzdem nicht einstellen. Denn wie viele Menschen sterben immer noch für genau diese machtbesessenen Entscheidungen.

M. schaut sich das Kriegerdenkmal an, ich bleibe bei dem Regen im Auto. Ich finde die Erinnerung sehr wichtig, aber die Darstellung ist mir zu einseitig. Selten aufklärend, meistens anklagend.
Doch nun kommt unserer Part: wir ziehen eine kleine Ölspur hinter uns her. Damit können wir nicht weiter fahren. Es regnet immer heftiger und unweit unseres Standplatzes befindet sich ein Hotel. M. muss die Auto-Situtaionen lösen, auch wenn er nur gebrochen englisch spricht. Nach einigem Hin und Her kommt er mit einem jungen Mann, Anthony, zurück. Anthony ist gut drauf, wir packen unsere Abschleppstange aus und hängen uns an seinen Touran. Langsam möge er fahren, hier in der kurvig-bergigen Region. Na, es ist ja gleich um die Ecke, meint er. Bei seinem Stiefvater gibt es eine Werkstatt, wo auch er schraubt und viele, viele Autoteile von VW rumliegen. Na, was für ein Zufall. M. ist trotz Bulli-Not glücklich.
Anstatt der fünf Minuten fahren wir bergauf und bergab an der Schleppstange verhaftet. Mit glühenden Bremsen und sich ständig lösender Stange. Zwischendurch müssen wir Anthony ausbremsen, ansonsten haben wir ein weiteres Problem.

Egal, gefühlt Stunden später erreichen wir irgendwann die Garage und werden schon von zwei weiteren Mitstreitern erwartet. Anthony meint: „Trinkt erst mal ein Bier, ich habe Zeit. Ich habe Urlaub.“ Ziemlich cool und bei dem Wetter freut es uns auch sehr. Aber M. muss erst einmal schrauben. Die Ölversorgungsleitung ist kaputt bzw. spröde, so dass sie beim Fahren auf den nächsten Kilometern komplett versagt hätte. In der Werkstatt gibt es genügend alte Teile, wir dürfen uns bedienen. Ein Ersatzteilspender ist schnell gefunden, abgeschraubt und auch nach einigen reinigenden Handgriffen am Bulli montiert. Hurra. Das Auto ist wieder gesund und freut sich auf die Weiterfahrt. Immerhin haben wir hier gute zwei Stunden verbracht.

Und so schnell kommen wir auch gar nicht wieder weg. Wir möchten uns bedanken, auch bezahlen, aber das wird kategorisch abgelehnt. Eine ganze Flasche Öl haben wir aufgetankt. Die gab es auch in der Garage – geschenkt. Also holen wir als Dankeschön unseren leckeren Saft und die wirklich hoch aromatischen, riesigen Äpfel aus dem Gepäck, die wir als Reiseproviant an Bord haben. Heimlich verschwinden der Stiefvater und auch der dritte im Bunde, dessen Namen und Verwandtschaft ich nicht errate. Alle sprechen französisch, außer Anthony. Wir hatten wirklich großes Glück, ihn zu treffen. Meine Visitenkarte bekommt er mit auf den Weg, weil er arbeitstechnisch auch mal in Hamburg unterwegs ist. Die beiden Männer kommen mit belgischen Trüffeln (Schokolade) aus eigener Produktion und einem leckeren Traubensaft aus der Region zurück. Den hebe ich uns für Silvester auf und freue mich jetzt schon darauf. Es wird ein sehr herzlicher Abschied. Und unsere Befindlichkeiten hinsichtlich der letzten zwei bestialischen Kriege lassen wir erst einmal hinter uns.

Was uns wundert, dass am 26.12. in Belgien viele Läden offen sind. Ich frage Anthony diesbezüglich und weiß nun, dass Weihnachten hier nur kurz zelebriert wird. In Belgien werden die Kinder schon am Nikolaus ausgiebig beschenkt und es wird groß gefeiert. Heute ist also ein ganz normaler Tag. Seltsam. Andere Länder, andere Sitten.

Wir müssen noch fahren ein ganzes Stück weiter fahren, auch wenn es kurz vor dunkel ist. Ziel wird Sézanne in Frankreich zum Übernachten sein. Ein kurzes Stelldichhin im Gewerbegebiet. Nicht alle Tage kann es das große Meer sein. Unser Ziel ist Portugal und dieses Mal mehr als nur 14 Tage.

Der Diesel ist hier in Belgien übrigens günstiger als in Deutschland und Frankreich. Aber unsere Tanks sind voll und reichen noch eine kleine Ewigkeit.

Wir fahren über Liegé/ Lüttich und Rochefort weiter Richtung Frankreich.

27.12. Wir starten etwas verspätet, weil alles noch im Chaos liegt, das Auto ist noch nicht sortiert, alles irgendwie eingepackt. Aber ohne guten Willen, weil es schnell gehen musste mit der Abfahrt. Als nächstes Nahziel steht Bordeaux auf der Liste. Den Ort findet niemand so richtig nett, aber er liegt auf der Strecke und ich möchte ihn gern besuchen. Doch nichts geht über einen guten, gepflegten Tee am Morgen.

Wir fahren durch die Champagne, das Bild bleibt dem belgischen ähnlich, weniger Müll, hübsche Gärten. Camille Claudel und Georg Sand begegnen wir unterwegs nur flüchtig, aber vorgemerkt sind beide. Die Landschaft ist weit, ausgeräumt und sehr landwirtschaftlich geprägt. Die vielen Kirchen in den Ortschaften fallen auf. Aber das mit der Kirche ist so eine Sache.

Die Straßen ziehen sich kilometerweit durchs Land. Wir versuchen wie immer auch kleinere Straßen zu nutzen, um etwas zu entdecken. Schließlich fahren wir nicht auf Geschwindigkeit. Ich wähle eine Route über Sezanne, Montargis und Vierzon, die erste größere Pause gönnen wir uns dann in Montmorillon. Vor allem, weil es mich an den Stein Montmorillonit erinnert.

Bei Camille um die Ecke wohnt das große Kernkraftwerk, es pustet wie wild dicke, fette Wolken in den Himmel. Einst als so saubere Energie betitelt, doch die Umwelt völlig aus den Fugen hebend. Denn bei all der Mühe werden hier Wassermassen verbraucht, die uns heute in der Landwirtschaft fehlen und über die nukleare Resteentwertung darf man ja nicht einmal leise nachdenken. Irgendwo wird Mensch diesen Müll lassen, vielleicht in Afrika? Betroffenheit meinerseits, die fetten Schornsteine hingegen stehen wie mahnende Denkmale in der Landschaft.

Montmorillon entpuppt sich als kleine Künstlerstadt, die gerade im Winterschlaf versunken ist. Hübsch anzuschauen und im Sommer sicher ein Ort, an dem man sich gern trifft. Wir erlaufen uns das nette Viertel und fahren weiter Richtung Bordeaux.

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