Gibraltar

Wir sind mit Familie Giri für Gibraltar verabredet. Für M. bedeutsam, denn eigentlich möchte er immer noch nach Marokko. Doch ohne Pass keine Chance. Da Gibraltar zwar britisch, aber kein anerkannter europäischer Staat ist, könnte es auch hier schwierig werden, meint Giri. Doch die Kontrolle ist unkompliziert. So steht  es auch überall geschrieben.

Unsere Autos lassen wir entspannt auf einem Großraumparkplatz vor den Toren Gibraltars stehen. Selten parkt man in Spanien so einfach, wenn man ein gemeinsames Ziel hat, dass viele Menschen anfahren. Aber heute ist Sonntag und alles entspannt. Schließlich sind die Briten genauso wie wir Deutschen am Sonntag in christlich ausgeprägter Ruhe.


Gibraltar erläuft man über ein Rollfeld. Rollfeld… Flugplatz, Militär. Alles beieinander und wir mittendurch. Das ist schon witzig und auch ein wenig komisch. Kampfflieger, kleine Flugzeuge, Polizei und große Rollbahn. Naja, die Rollbahn sieht aus wie ein privater Landeplatz. Ökonomisch gesehen, ist das perfekt gelöst. Grenzkontrolle, Flugplatz und Zoll – alles miteinander verbunden. In der Woche pressen sich hier 14.000 Menschen durch. Arbeiten auf Gibraltar.

Die Stadt wirkt unterkühlt und gedrängt. Da der Platz zum Wohnen und Arbeiten begrenzt ist, baut man auch hier in die Höhe. Alte Gebäude in schönem rustikalem, britischem Stil neben langweiligen Hochhäusern. Am Hafen alte Yachten und Segler. Aber Restaurants und Cafés auch hier wie auf einer Perlenkette gereiht.
Wir wandern nach zünftigen Cider und Guiness Richtung Soldatenfriedhof – ein beschaulich ruhiger und schöner Ort. Hier wollen wir Affen treffen. Die haben sich bei den Temperaturen in die Berge zurück gezogen. Lord Nelson ist hier gut aufgehoben.

Nach typisch britischem Mahl – Fish and Chips – genießen wir noch kurz den Sonnenuntergang und finden uns bald in dem weniger attraktiven Ort La Linea de Concepcion wieder. Da wir dringend Wasser benötigen, fahren und erlaufen wir im Dunkeln diesen Ort. Alle Wasserspender wurden abgestellt. Wie schade. Wir machen uns auf den Weg nach Tarifa. Einem Impuls folgend wählen wir kurzerhand den Strand hinter Algericas. Wir sind müde und möchten die Fahrt nach Tarifa bewusst erleben – mit Sonne und Meer. Die Entscheidung war genau richtig. Denn wie zufällig landen wir mal wieder auf einem Camperplatz im Nirgendwo. Ein Kommen und Gehen die ganze Nacht. Offensichtlich ein Geheimtipp für alle Marokkoreisenden. Wir lassen uns Geschichten auf deutsch oder englisch erzählen. Und wissen: nächstes Mal fahren wir auch rüber. Die meisten, die Richtung Marokko unterwegs sind, sind Aussteiger oder junge Familien. Der Rest sind Ehepaare, die schon die Rente genießen und das halbe Jahr in den südlichen Gefilden unterwegs sind. Oder auch Ehepaare, die einfach ihren gesamten Jahresurlaub zusammen packen und dann die Chance nutzen, ein paar Tage und Wochen länger unterwegs sein zu können.
Ich kann für mich feststellen: eine lange Reise gehört zu meinen Vorzügen. Deshalb habe ich sie mir über Jahre aufgespart. Für eine Woche wegzufahren, bereitet mir in der Übertragung des Hofes einfach zu viel Umstände. Aber die Wintermonate sind perfekt für einen Ausstieg über kurz oder lang.

Typischer Spot für kurze Übernachtung

Die Energie auf diesem Parkplatz berührt mich. Ist es der Ort, der so viele verschiedene Menschen vereint und ihre positive Energie ausstrahlt? Ein dreckiger Platz durchs Campen und trotzdem ein Platz, wo wir uns wohl fühlen. Das Meer gleich gegenüber.
In der Nacht blinken die vielen großen Frachter und manchmal hupen sie wie eine uralte Tröte, die sich die letzten dumpfen Töne aus dem Leib presst. Ist das schön.

Am nächsten Morgen hat M. eine geniale Idee: wir fahren von Beginn unserer Reise zwei lustige Solarduschen spazieren. Bisher vergessen und ohne Benutzung. Nun endlich kommen sie ans Licht. Am meisten freut sich M. Ich dusche unglaublich gern erfrischend kalt am oder im Meer. Für M. ist das ein no go. Und nun endlich hat er die Lösung: seine heißgeliebten nie benutzten Duschbags. So schaffen wir uns auf unserer Reise zusätzlich kleine Freuden und Überraschungen. Vor allem aber wissen wir, wofür wir manche Dinge mitgenommen haben. Diesen Luxus haben wir nicht nur vermisst, wir haben ihn verdrängt.

Wir haben eine Dusche

Tarifa
Endlich! Die Straße von Gibraltar bei strahlend blauen Himmel, wölkchenblau und Sonne.
Am berühmten Mirador auf dem Weg nach Tarifa halten natürlich auch wir an. Diesen einzigartigen Ausblick lassen wir uns nicht nehmen. Afrika zum Greifen nahe, eine einzigartige Aussicht mit imposanter Landschaft. Der Mirador ist eine Goldgrube für den Betreiber. Wissentlich hat er unendlich viele Kaffeetassen vorbereitet. Jeder, der hier ankommt, greift gern zu.
Wir merken erst jetzt den kräftigen Wind, der uns umschmeichelt. Nachdem wir uns viel Freude an diesem Platz gegönnt haben, fahren wir weiter zum südlichsten Punkt Europas, auch southernmost point of the continent genannt.


Tarifa ist aufgrund der guten Winde ganzjähriges Surferparadies. Und so empfängt uns der Strand auch: links zum Mittelmeer sitzen an eine weiße Wand gedrückt die sonnenhungrigen Sonnenbader. Rechts surfen und kiten die jungen Wilden um die Wette. Völlig im Rausch von Zeit und Raum gleiten sie durch das Meer. Ein buntes Treiben im tiefblauen Meer mit meterhohen Wellen. Zwischendrin laufen wir mit vielen anderen Touris neugierig Richtung Halbinsel. Die ist mit einem Tor verriegelt. Also genießen wir in vollen Zügen, dass wir uns einfach nur zwischen den Welten bewegen dürfen. Das Meer letztlich interessiert es wenig, ob es nun Mittelmeer oder Atlantik genannt wird. Es ist einfach da in ganzer Pracht, Naturgewalt und Fülle.

Tarifa schauen wir uns gern an, aber viel zu neugierig und gespannt auf Neues, fahren wir weiter die Küste entlang. Immer noch der Wunsch: Portugal!!!

Wir hinterfragen täglich die Ankunft unseres Briefes. Leider erfolglos. Eine Entscheidung muss her. Inzwischen sind wir zwei Wochen in Verzug. Nebenbei treibe ich uns weiter nördlich die Atlantikküste entlang. Vielleicht verzichten wir einfach auf ein letztes Mal Estepona.

Bolonia ist auf jeden Fall einen Abstecher wert an der Atlantikküste. Die Stadt liegt an einem wundervollen Strand mit imposanter Wanderdüne. Angrenzend sind wunderschöne Kiefernwälder, die zum Teil in bzw. durch die Dünen verschwinden. Wenn der Wind sie wieder frei legt, bleiben nur noch ihre Skelette zurück. Etwas mulmig ist der Anblick, der an einen Baumfriedhof erinnert.

Was uns weniger gut gefällt, ist der Plastikmüll hier am Strand. So legen wir Hand an und sammeln ein.


Baelo Claudia, einst eine römischen Stadt, direkt am Strand gelegen, schauen wir uns gern an. Interessant, denn die Römer nutzten seinerzeit die Nähe zum Atlantik für intensive Fischzucht. Überhaupt ist Andalusien von althergebrachten Aquädukten geprägt. Es scheint sich wenig geändert zu haben. Nur verwenden die Südländer heute leider Unmengen an Plastikschläuchen, die mit den zum Teil alten Wasserstraßen einfach verbunden werden.
Auch Los Caños de Meca statten wir einen erwähnenswerten Besuch ab.
Als Höhepunkt schlendern wir mehr zufällig als bewusst am Kap Trafalgar herum. Irgendwie erinnert man sich an die Schlacht von Trafalgar durch den Geschichtsunterricht. Zum Auffrischen: 1805 gelang es Admiral Nelson die spanisch-französische Flotte zu besiegen. Lord Nelson haben wir zuvor in Gibraltar auf dem Friedhof besucht. Dachten wir zumindest. Er hat bei der legendären Schlacht am Kap sein Leben verloren. Doch begraben ist er in London.

Wir genießen am Kap einen traumhaften Sonnenuntergang mit meterhohen Wellen. Der Weg dorthin ist witzig, weil sich hier so einige junggebliebene Hippies aufhalten.

Da M. unbedingt in die Werkstatt in Estepona muss, der Brief endlich in der Stadt angekommen zu sein scheint, lasse ich mich auf eine Rückfahrt ein. Immerhin bekomme ich allmählich heimatliche Gefühle, wenn wir zum vierten Mal in diese Stadt einreisen. Vorerst ein letztes Mal.

Die Werkstatt hat für unser Anliegen wenig Verständnis, so stehen wir später an unserem Lieblingsplatz in Estepona und werkeln am Auto: die Achse wird neu vermessen und händisch eingestellt. Ich assistiere.

Maßband und Schraubenschlüssel sind mehr wert als jede Technik. Spur und Sturz wurden im vor der Fahrt im leeren Zustand des Autos vermessen. Vollbeladen ändern sich die Einstellungen.
Tage später basteln wir ein Lot aus Bindfaden und Nuss, um auch den Sturz neu zu justieren.

Wir entdecken Andalusien

Casares wirkt entspannt, verschlafen, sehr hübsch, bergig. Wenigen Mitstreiter begegnen wir, die wie wir unterwegs sind und überall herum streunen. Wir kommen durch unseren Abstecher allerdings auch erst am späten Nachmittag an. Zudem ist es in den Bergregionen nachts kühl bis leicht frostig. Der typische Spanienurlauber ist wegen der Wärme hier. Wir amüsieren uns nicht das erste Mal darüber, wie sich die Einheimischen in dicke, flauschige Jacken und wattierte Schuhe einhüllen. Die Mode des Winters hat überall ihren Einfluss und hält das kommerzielle Rad am Laufen.

Da man in fast jedem Ort maurische Wurzeln entdecken kann, wandern wir hoch auf die alte Burg. Wunderschöne Ausblicke in die noch viel reizvollere Landschaft Andalusiens. Wir fühlen uns hier ganz schön wohl.

Römisches Bad auf dem Weg nach Casares
Mandelblüte Anfang Januar

Nebenbei versuchen wir immer ein wenig spanisch in unseren Alltag zu integrieren. Das ist witzig, weil es Spaß macht, den Klang, die Aussprache und auch die Bedeutung einer Sprache etwas einzuatmen. In Portugal wird es das gleiche Spiel. Kaum haben wir ein paar wenige Wörter gelernt, dreht sich die Sprache ins andere Land. La quenta… a conta… oder die Rechnung… por favor.

Malaga
Malaga haben wir seit Tagen auf dem Kompass, aber mein innerer Kompass bevorzugt Ronda, Teba und Antequera. Die Route, die wir fahren, ist wie fast immer in Andalusien, einfach nur schön. Wir lassen uns Zeit und genießen die Landschaft.

Auf historischen Wegen in Antequera


Malaga. Die Metropole Andalusiens. Und Picasso mittendrin.
Wir erreichen die Stadt am späten Abend völlig ausgehungert, weil vor lauter schöner Landschaft gefahren und gestaunt, frisches Wasser am Wegesrand geerntet/ gezapft, getrunken, Haare gewaschen: und wir die Zeit wieder einmal vertrödelt haben. Die Viehtränke aus alten Zeiten dient uns als erfrischender Wasserspender unterwegs und wir füllen erneut unsere Flaschen mit Bergwasser auf.

Teba und Ronda


Am Stadtrand von Malaga machen wir halt und freuen uns riesig auf eine große Schüssel mit Salat und allem, was unser Speisekorb hergibt. In Antequerra haben wir für knapp drei Euro eine ganze Tüte voller Gemüse eingekauft: fette Tomaten, pieksige Landgurken, kanarische Bananen, Pilze und Salat. Da unser Essen überwiegend aus frischen Produkten besteht, bereiten wir es stets gemeinsam zu. Ab und an schaffen wir nur eine Mahlzeit. Dann sind wir hungrig. Lustvoll verschlingen wir, was wir an Gerichten erfinden. Meine Bordküche ist richtig gut ausgestattet: Gewürze, Salze, Süße in verschiedenen Varianten (außer Zucker), Pulver und Körner. Nicht zuletzt gute Öle und Fette. Alles klein dosiert und zum Verbrauchen mitgenommen.



Mehr als eine Stunde sind wir unterwegs, um einen Parkplatz in der Nähe von Picasso zu finden. Manchmal bin ich zu weltfremd, um zu verstehen, dass wir in der Innenstadt gelandet sind. Parkplätze sind hier Mangelware und mit dem Bulli erst recht. Parkhäuser kommen für uns nicht in Frage. Das Auto ist zu hoch.
Etwas entnervt landen wir wie fast immer in Hafenstädten genau dort: am Hafen. Hier haben wir bisher immer einen sicheren Platz gefunden. Und auch dieses Mal ist es kein Problem. Auch die Nacht hätten wir hier gut verbringen können, wäre da nicht der Hunger gewesen.

Der Hafen ist überschaubar, modern und mit einigen wenigen Millionen belastet. Momentan steht hier die Octopus für 295.000 Millionen Euro zum Verkauf. Da wir mit unserem Bulli völlig zufrieden sind, schauen wir uns dieses Schiff nur neugierig an. Der Besitzer, Paul Allen (Freund von Bill Gates), ist im Oktober 2018 verstorben.
Wir bummeln die Kaimauern entlang und entdecken einen altes spanisches Schiff aus Zeiten der Armada. Ein Nachbau wie die Wissemara in der Heimat.
Die ganze Kaimauer entlang bis hin zum Leuchtturm ist eine neue Einkaufsmeile entstanden. Bis weit in den Abend sind die Geschäfte offen, Bars, Buden und Service. Alles, was der moderne Mensch zum Leben braucht. Wir schlendern vorbei, da wir nicht allzu modern sind. Wenig später ziehe ich M. am Ärmel, weil er dem Eis kaum widerstehen kann. Da das Eisvergnügen in Spanien richtig teuer ist, kommt dieser Luxus nicht in die Tüte.

Picasso macht uns ganz viel Freude und da wir auch die zweite Ausstellung vor Ort gebucht haben, können wir den bis dato mir unbekannten Calder kennen lernen. Das gefällt uns richtig gut. Picassos Schaffen beeindruckt und die Kombination dieser beiden Künstler noch viel mehr.

Wir lassen uns den ganzen Tag dafür Zeit und genießen intensiv diese einmalige Kunst.

Installation von Calder


Picassos fröhliche Lebensart steckt förmlich an. Mit seiner Neugier konnte er die Welt erobern. Neugier macht hungrig – im übertragenen Sinne. Neugier macht wiederum Menschen interessant und bringt eine Menge Abwechslung ins Dasein.

Picasso in Aktion


Was mir Picasso an diesem Tag mitgibt, ist eine schöne Erkenntnis: nur wenn ich von meiner Arbeit überzeugt bin, überzeuge ich durch das, was ich tue.
Auch Alltag darf richtig Spaß bringen, so dass man jeden Tag genießen kann. Alles in allem bleibt es dabei, Leben lebens- und liebenswert zu gestalten. Und das täglich mit ganzer Kraft und Überzeugung.

Abends lassen wir uns vom Flair der Stadt treiben und kehren in eines der Lokale ein. Eine gute Entscheidung.


Wenn man in Malaga ist und botanische Gärten mag, darf der Historische Garten „Jardín Botánico-Historicó la Conceptión“  nicht fehlen. Wir genießen diese Anlage so sehr, dass wir am nächsten Tag viele Stunden hier verbringen. Eine wunderschöne, eigenwillige und historische Anlage aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, die wir in der Intensität nicht erwartet haben. Die Sammlung enthält 2000 Arten tropischer, subtropischer und heimischer Pflanzen mit guter Ausschilderung. Auffallend ist die große Varietät an Palmen und Bambus. Das macht Spaß und mein Hirn darf ein wenig arbeiten. Pflanzenkunde ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.
Die notwendige Pflege und auch die Fürsorge für dieses Paradies schafft die Stadt, die inzwischen Eigentümerin des Areals ist, leider kaum aufzubringen. Eine Pflanzensammlung in diesem Ausmaß kann man nur unterstützen. Hoffentlich findet sich bald wieder ein echter Liebhaber für dieses einzigartige Refugium.


Marbella
Die Stadt der Schönen und Reichen liest man. Wir suchen uns kurz vor Marbella am Bikkini Beach einen guten Stehplatz – seit Tagen wieder allein am Wasser. Das verspricht ein erfrischendes Bad am Morgen. Weit gefehlt, zum ersten Mal erleben wir etwas amüsiert das Unbehagen der Barfrau am Strand. Sie schimpft auf Spanisch vor sich hin. Obwohl wir kneipen in ihrer Restauration, wirkt sie wie die gute alte Dame aus den bekannten James-Bond-Filmen: ernst und abweisend.

Wir fahren zum Hafen in Marbella. Ferrari, Rolls Royce, Maserati, Lamborghini sind hier an der Tagesordnung. Es macht uns Spaß mittendrin zu sein. Denn aus meiner Arbeit heraus weiß ich, dass hier nicht die wirklich Reichen und Schönen flanieren, aber immerhin diejenigen, die sich einen erheblichen Reichtum erschaffen oder ererbt haben.
Um unbedingt dazu zu gehören, steht man auch stundenlang vor Insidernlokalen an. Gesehen werden, ist ein Muss. Wir bummeln fröhlich an den bunten Menschenschlangen vorbei. Der Hafen hat einiges zu bieten.
 
Wie auch in der Autobranche gibt es etliche Yachten zu kaufen. Wer soll diese ganzen Plastikbomber (GFK) später mal entsorgen? Mich gruselt der Anblick. Ein richtig schöner alter Schinken steht zwischen all den modernen Schiffen. M. erklärt mir nebenbei die Boote, die Jetskis und all das, was mir in meiner Welt verborgen bleibt. Ich nicke wissentlich und freue mich, es bald wieder vergessen zu dürfen. Das Meer selbst und auch die Atmosphäre sind ein Traum. Blaues Wasser, große Fische, pulsierendes Leben.

Die Spanier sind noch richtig in Kinderlaune, so dass hier auch viele junge Familien spazieren gehen. Fasziniert bin ich immer wieder von den sehr aufmerksam wirkenden Vätern, die sich vordergründig um ihren Nachwuchs kümmern. Kinder haben in Spanien genießen einen völlig anderen Stellenwert. Mit einem Seufzen freue ich mich für die spanischen Frauen. Wie gut täte es uns, weniger emanzipiert zu nennen, was mit Emanzipation wenig zu tun hat. Frauen und Kinder sind eine großartige Sache, aber das Zusammenspiel von Vater – Mutter – Kind ist kaum zu toppen.

Estepona hat uns ein letztes Mal in dieser Runde wieder. Wir freuen uns auf Giri und seine agile Familie. Aber der lang ersehnte Brief fehlt. Ein Einschreiben ist demzufolge mehr als 10 Tage unterwegs. Das missfällt uns. Auch über ein zweites Paket in die Heimat denken wir inzwischen nicht mehr nach.

Silvester in Estepona

Wir fahren immer weiter in die Berge und letztlich entscheiden wir uns für den Weg durch die Sierra Nevada. Nebenbei ist uns durch unsere Abstecher in die Landschaft, die Welle vom Zahnrädchen rausgerutscht. Notwendig für einen Kilometerstand. Sicherheitshalber tanken wir und stellen fest, dass es eine gute Entscheidung war.
Während in Valencia die Tankstellen miteinander Monopoly spielen können, weil sie so dicht aneinander liegen, gibt es in Andalusien kaum Angebote. Durch die Weite der Landschaft, wenig Besiedlung und kaum erschlossene Orte fahren wir mit einem anderen Bewusstsein. Weggeknabberte Berge scheinen hier richtig zum Sport zu gehören. Egal, wo ein Berg im Weg steht, der Bagger schafft ihn. So schlängeln sich die Straßen durch die Berge, nicht um sie herum. Für den Anbau von Tomaten werden ganze Plateaus geschaffen. Und nebenbei wird der Abraum für gutes Geld an den Baustoffhandel verkauft.


Das man noch in den Höhlen der Berge leben kann, habe ich schon in Israel erlebt. Hier in der Sierra Nevada liegt es voll im Trend. Am besten noch ein selbst gebasteltes Satteldach als Mütze obendrauf. Fertig ist das Heim. Das inspiriert uns.

Ich liebe diese ursprüngliche Art zu leben: hier sieht es zwar für die heutige Zivilisation arm aus, aber wie reicht ist ein Mensch, der mit den wenigen Dingen des Lebens ein gutes Dasein führen kann: unabhängig von Zeit und Raum.

Sehnsüchtig schaue ich jeden Berg, die eingemeißelten Behausungen und Hütten an. Und endlich auch Maulesel. Das Lasttier, was mir in Albanien als wichtigstes Transportmittel in den Bergen begegnete.

Sierra Nevada



Mit Hilfe der Sonne ist hier fast alles möglich: der Anbau von Tomaten und Oliven, Gemüse im privaten Bereich, Pfirsiche, sogar Pappeln … die Mauren haben hier ganze Arbeit geleistet. Bis heute hat sich die Art des Bauens und der Kultivierung erhalten und kaum verändert.

Olivenplantagen


Wer weiß wie viele Höhlen hier noch entdeckt werden wollen. Aber noch viel interessanter finde ich, eine Bergwanderung in dieser Region zu unternehmen.
Das heben wir uns für später auf. Heute stehen Granada und Silvester an. Wir sputen uns, in die Spur zu kommen.
Granada gefällt uns, aber es ziehen auch hier Touristenströme. In Granada Richtung Alhambra. Diese steht denjenigen offen, die online gebucht haben. Dazu gehören wir nicht.

Playa del Christo


Silvester bleiben wir für ein paar Tage in Estepona. Wir stehen am großzügigen Strand am Ende der Stadt. Hier verirren sich viele Camper unterschiedlichster Nationen. Die Stadt ist touristisch wenig attraktiv, aber vom Klima, dem Miteinander und dem Standort fast perfekt. Vor allem Rentner mit ihren großen Wohnmobilen stehen hier, um einen ganzen Winter Wärme zu tanken.


Das Hinterland von Estepona wiederum hat so viel zu bieten, dass wir mehr als einen Monat hier verbringen könnten. Doch unser nächstes Ziel ist Portugal. Ich freue mich riesig auf dieses Land. Seit Jahren wünsche ich mir, Begegnungen und Strände. Handwerk und Ursprünglichkeit. Und alles, was dieses Land noch zu bieten hat.

Estepona


Portugal rückt ein bisschen nach hinten, weil wir auf einen Brief aus Deutschland warten. Da wir gut aufgehoben sind in Estepona, fällt es uns gar nicht schwer. Giri und seine Familie zeigen uns ein bisschen spanisches Miteinander, was wir durchweg genießen.
Da zu Hause ein Geburtstag ansteht, bringen wir kurz nach Neujahr ein Paket zur Post. Zumindest ist das der Plan. Einen halben Tag verbringen wir damit, einen geeigneten Versender zu finden. Trotz Giri und seinen Fähigkeiten wird es ein kleines Abenteuer. Nach Deutschland scheinen die Verbindungen mit Südspanien wenig ausgebaut zu sein. Niemand interessiert sich wirklich dafür und fast jeder schüttelt mit dem Kopf. Und schon gar nicht, ein Paket aufgeben ohne fertig ausgefüllten Beleg. Trotz alledem schaffen wir es gemeinsam: vier Tage später soll das 18kg schwere Paket den Zielort erreichen. Dass das nur eine schöne Vorstellung bleibt, wissen wir nach vier Tagen. Zum Geburtstag kommt es gewiss nicht pünktlich an. Genauso wenig wie unser Brief. Er verzögert sich um ganze zwei Wochen. Unsere Weiterfahrt nach Portugal ebenso.

Der Brief aus Deutschland, der ein wichtiges Dokument enthält, bleibt vorerst irgendwo hängen. Da hilft auch keine Sendungsnummer. Die verliert sich an der Grenze zu Deutschland. Herrje. Im Zeitalter des Computers bleibt am Ende doch ein Ach. Zumindest für mich und meine Befindlichkeiten.

Prozession


Silvester in Estepona (und in Spanien wohl generell) sind völlig unspektakulär. Eigentlich nimmt kaum jemand Notiz davon. Die Läden haben ja sowieso fast immer geöffnet und Feuerwerk gibt es hier fast überhaupt nicht. Wie angenehm für Mensch und Tier.


Fünf Tage später gibt es dafür den fröhlichen Vorabend zu den Heiligen-Drei-Königen. Heute wird gefeiert und prozessiert. Menschenmassen sind unterwegs, stehen an den Straßen und warten auf den Umzug. Irgendwann kommen die vielen lustigen Wagen: kein Priester, keine Kirche, kein Bürgermeister… Bart Simpson und Co begrüßen uns fröhlich und verteilen unendlich viele Bonbons. Alle sind glücklich und laufen dem ganzen Tross hinterher. Wir auch. Ganz klar.

Weihnachtsbaum nach unserem Geschmack

Da wir in den letzten Tag viel Zeit haben, schaffen wir es, ein Dachfenster einzubauen. Am Strand liegt ausreichend Holz. Das Fenster haben wir auf dem Weg nach Estepona in einem Campingausrüster erworben.
Seit Frankreich war uns klar, dass wir für die Entlüftung ein Dachfenster einbauen werden. Und das nicht erst in Deutschland. Gemacht, getan. Stichsäge, Akkuschrauber, Holz. Einen Meßschieber hat M. sowieso dabei, den benötigt er nicht nur zum Messen. Auch Fingernägel kann man damit prima sauber bekommen.


Die Montage war kein Problem, das Sägen ist weniger angenehm (GFK), aber nach zwei Stunden war alles fertig. Große Freude bei uns. Einen Waschtag haben wir für den nächsten Tag eingeplant. Viel Wäsche benötigen wir nicht. In den Waschsalons gibt es zudem riesige Maschinen. Das gefällt uns. Ein Abwasch sozusagen.

Alicante

Wir fahren weiter Richtung Alicante. Auf die Stadt freue ich mich schon ein paar Tage. Doch warum freue ich mich eigentlich auf eine große Stadt, die selbst einen Flughafen hat? Mir fehlt ein wenig der soziale Kontakt mit Menschen. Das bemerke ich seit Tagen. Unser Ziel ist immer noch Portugal, mit einem Zwischenstopp in Estepona. Dort kennen wir jemanden. Juhu.

Suchbild… Bulli in Alicante

Doch vorher erkunden wir Alicante, die Berge und die Landschaft. Ein bisschen Historie, die sich hier auch ganz gut finden lässt. Das Wetter meint es täglich gut mit uns: Sonne satt, kaum Wind.

Zum Einkaufen fahren wir rauf und runter, weil wir einfach blind sind, was Supermärkte betrifft. Ich gehe in Deutschland schon ungern einkaufen, weil mich das Angebot extrem langweilt. Doch hier bin ich völlig überfordert: zu viele Dinge, die Mensch nicht braucht in endlosen Regalen und Läden. Alicante hat ein ziemlich langgestrecktes Centro Commercial. Wo fängt die Stadt eigentlich an?

Am Ende des Tages fährt M. bis hoch zur Santa Bárbara, dem Ursprung und bewegtem Lebensort der Stadt. Im Auto poltert es mal wieder, weil wir enge Kurven mit guter Steigung nehmen müssen. Die Geschichte der Burg erkunden wir am nächsten Tag mit Genuss. Heute Abend stehen wir letztlich vor einem geschlossenen Burgtor.
Das ist fast historisch. Wir können noch soviel klopfen: diese Türen sind verschlossen. Dabei steht bei Google: Eintritt bis 22.00 Uhr.
Wir erwandern uns die Burg von außen und gehen anschließend auf nächtliche Erkundungstour ins Zentrum der Stadt.

Was mich immer wieder fasziniert, ist die Fröhlichkeit und Geselligkeit der Spanier. Aber heute Abend ist hier alles unterwegs, was in Alicante zu wohnen scheint: an allen Ecken sitzt, isst und trinkt man gemeinsam. Ist das schön. Die Leute sind fröhlich und ausgelassen.

Ich wünschte mir so eine großzügige Lebensart auch für Norddeutschland.
Wünscheerfüller sind richtig gut. Ich halte daran so lange fest, bis auch in heimischen Kreisen gutes Essen und Geselligkeit ein Bedürfnis geworden sind.

Agave vor der Burg

Früh morgens gehen wir durch das geöffnete Burgtor und sind begeistert, diesen historischen Ort erleben zu dürfen. Er thront über der Stadt als Massiv – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie beeindruckend die Geschichte hier mitgespielt hat, erzählen Bilder, Fotos und anspruchsvolle Videos. Egal auf welcher Ebene der Burg wir uns bewegen: atemberaubende Bilder weit in die Landschaft, über die Stadt und die Berge.

Wir verbringen noch einen ganzen Tag in der Altstadt. Es gefällt uns hier. Nebenbei hilft M. einem Engländer, der neben uns genächtigt hat, am Auto. Der Brite ist sehr redselig, da allein unterwegs. Seit einigen Tagen, genau genommen Weihnachten, hat er eine Freundin: einen verwilderten Windhund. Nun sind die beiden gemeinsam unterwegs. Eine schöne Geschichte.

Da wir richtig getrödelt haben in den vergangenen Tagen, sputen wir uns.
Sylvester dürfen wir in Estepona sein. Wir treffen uns mit Y., die hier seit Jahren wohnt und arbeitet. Die Fahrt geht also weiter gen Süden – mit Kompromissen.

Alicante


Almeria ist unser nächstes Ziel. Das Land der Tomaten – worüber sich M. im Vorfeld besonders freut.

Wenn man durch Andalusien fährt, im Übrigen eine traumhafte Landschaft, kommt wenig Lust auf Tomaten auf. Doch als Gartenbauerin ist mir dieses Problem bekannt.
Tomaten, professionell anzubauen, heißt intensive Nutzung der Landschaft. Von bio oder Nachhaltigkeit ist hier keine Spur zu sehen. Das Geld Ausdruck unserer Zeit ist, wird hier sehr deutlich. Genauso wie durch die am Strand entstehenden Touristenburgen. Immer wieder kommt mir der Gedanke, dass so viele Menschen niemals an einem Ort wohnen können. Das ganze Versorgungsnetz würde schon bei der Hälfte der Auslastung zusammen brechen. Demzufolge ist hier alles andere als Tourismus geplant.

Mirador Richtung Almeria

Zwischen Denia und Xabia

Mirador bedeutet: Ausblick oder Aussichtspunkt in die Landschaft – frei übersetzt. Wir finden einen wunderschöner Mirador zum Übernachten an den Klippen. Diese Punkte werden uns noch oft auf der Reise begleiten.


Meeresrauschen inklusive. Das Navi führt uns den ganzen Tag an der Nase herum. Also auch am Abend, aber wir sind so begeistert von der Landschaft, unserer prächtigen Ernte und der Nähe zum Meer, dass es uns wenig tangiert. Wir fahren wie fast immer auf Nebenstraßen in Richtung Parc Natural. Die Parks haben sich bisher immer als sehenswert, geschützt und ursprünglich präsentiert. Es gibt keine Wege in die Landschaft bzw. Berge, dafür aber gut herum geführte. Und immer Rastplätze und sehr viele Entsorgungsmöglichkeiten entlang der Straßen.

Was uns in ganz Spanien beeindruckt, ist die Müllentsorgung: zu jeder Tages- und Nachtzeit wird hier der Müll durch die öffentliche Hand bereinigt. Selbst an den Feiertagen laufen die Einsatzkräfte und sammeln ein, was eigentlich jeder selbst recyceln könnte. Dadurch wirken die Städte stets sauber und plastikfrei. Wie letztendlich dieser Müll entsorgt wird, bleibt uns verborgen. Jenseits der Metropolen gibt es zwar immer noch jede Menge Container für den Müll, aber privat hat man offensichtlich weniger Interesse, die wirklich schöne und prächtige Landschaft sauber zu halten. Da jede Handlung einen Erfolg in dieser Hinsicht nach sich zieht, wird auch die ländliche Region irgendwann den Anspruch haben, es den Städten gleich zu tun.

Ein paar Gedanken muss ich loswerden zum Thema Müll und reduziertem Bulli-Dasein:
Durch unseren Einkauf produzieren wir täglich Plastikabfall. Zwar können wir ihn jeden Tag problemlos „LOS WERDEN“, aber das ist nicht das Ziel.
Wir haben tatsächlich noch keinen einzigen regionalen Markt entdeckt, obwohl wir im Land der Märkte sind. Was uns aber massiv begleitet, fast wie eine never ending story, sind die unendlich vielen, riesigen Supermärkte. Wie Perlenketten reihen sie sich aneinander. Orte scheinen keinen Anfang und kein Ende zu kennen. Sie bestehen für den Durchfahrenden nur aus Gewerbegebieten. Um Spaniens urbanen Stadtkern kennen zu lernen, muss man sich richtig überwinden, in die Enge der Straßen und letztlich in das spanische Leben einzutauchen. Wenn man aber nur ein wenig teilhaben möchte, entscheidet man sich für den mainstream und landet gezielt in den Supermärkten, die da heißen Aldi, Supermercado und Co…


Wir versuchen immer wieder unverpackte Ware zu finden. Kaum möglich. Nur durch das Mitbringen der eigenen Tüten können wir das ein oder andere Mal reduzieren. Seit Spanien haben wir auch kein trinkbares Wasser mehr aus der Leitung. Bis in die Bergregionen hoch ist das Wasser gechlort. Deshalb entscheiden wir uns resignierend fürs Wasser kaufen. Nun kommen zu unseren Obst- oder Gemüseverpackungen auch noch der tägliche 8l Kanister als Müll hinzu. Hätten wir den Platz, würden wir alle Kanister mit Olivenöl unterwegs füllen lassen. Haben wir nicht. Eine Idee zur Wiederverwertung habe ich aktuell auch nicht.
Zum Glück finden wir dank intensiver Suche doch wieder Wasser auf unseren Wegen und haben gerade einmal drei Kanister käuflich erwerben müssen. Was für ein Erfolg!

Am liebsten wäre mir ein Verbrennungsmotor, der das alles futtern kann. We pick up plasctic… und fahren damit durch die Welt. Einen Ofen mit Verbrennungsmotor wünsche ich mir schon seit einiger Zeit von geprüften Ingenieuren. Davon soll es ja etliche geben.
Gleich fallen mir zum Thema Diesel ein paar Gedanken ein: M. hat das Auto weitestgehend so umfunktioniert, dass wir recht sparsam unterwegs sind. Das noch mehr geht, wissen wir nach den ersten Tagen und freuen uns auf kommende Touren mit einem Drittel weniger Verbrauch. Heutige Autos in dieser Kategorie verbrauchen leider ein Drittel mehr als wir derzeitig als Durchschnitt abrechnen: mit 8l kommen wir über Stock und Stein.

Im Alltag daheim bevorzuge ich seit vielen Jahren Erdgas, bin aber an wirtschaftliche Grenzen gestoßen. Als wir das Auto vor vielen Jahren kauften, war das Versprechen groß: Erdgas an jeder Tankstelle, gar kein Problem. Heute nach über 15 Jahren sieht es so aus: Erdgas bekomme ich inzwischen in Deutschland nur an ausgesuchten Tankstellen. Oftmals sind die Säulen defekt oder wurden wieder abgebaut. Und hinter der Grenze hört es fast ganz auf. Ich kenne gegenwärtig kein besser funktionierendes System als Erdgas. Und aus diesem Grund ist es nicht am Markt.


Mehr zufällig entdecken wir die Cova del Gamell, eine kleine Höhle, die man sich erwandern darf. Der Mirador ist einzigartig, egal, wo man steht. Im Hintergrund der Massis Del Montegó, auf den viele Besucher kraxeln. Da M. Probleme mit dem Laufen hat, ist die Höhle die richtige Wahl.
Als wir uns mit dem Auto weiter durch den Park schlängeln, sehen wir, wie hoch der Massis war und auf welcher Höhe wir uns bewegt haben. Jetzt sind wir richtig beeindruckt.
Mit dem Ende des Parks ändert sich auch die Landschaft. Keine Orangenplantagen mehr, wieder Terrassen und alte Weinstöcke, weniger Weinberge.
Verlassene Höfe haben wir auf unserer bisherigen Reise oft gesehen, doch hier gibt es wohl einen großen Wandel: die Landwirtschaft wird für den Tourismus aufgegeben bzw. geopfert. Wenige Kilometer weiter wissen wir warum: wir sind an der Costa Blanca. Die Fahrt allein durch die Berge, mit Blick auf die Küste, ist Nahrung für die Seele. Es macht uns Spaß, hier sein zu dürfen. Frei in fast allen unseren Entscheidungen.
Doch was bedeutet frei? Auf unserer Reise treffen wir wenige Aussteiger. Und sie bestätigen meine ganz persönliche Einstellung: das System, in dem wir in Deutschland integriert sind, entspricht wenig unseren Erfahrungen, Vorlieben und wahrhaftigem Lebensgefühl. Das auch dieser Weg in die Unabhängigkeit Grenzen hat, macht ihn nicht weniger attraktiv. Eine Auslandskrankenversicherung, die weit mehr abdeckt, als unsere Pflichtversicherung im eigenen Land, kostet kaum etwas. Meine Krankenkasse versucht wie jedes Jahr, mir gerade nachzuweisen, dass ich viel mehr löhnen muss. Das ist mir in meiner Selbständigkeit gar nicht möglich. Auch aus diesem Grunde suche ich seit vielen Jahren nach einer vernünftigen Lösung. Ich habe zwar rechtzeitig reagiert, aber dann doch nicht den Austritt beantragt. Inzwischen ist es fast unmöglich geworden, diesen Verpflichtungen zu entkommen. Ich arbeite daran und freue mich, demnächst berichten zu können, wie man es trotzdem schafft. Das Thema KK ist für mich ein sehr bewegtes Thema, da ich die Eigenmächtigkeit meiner KK durch die BG aufgedrückt, kaum beschreiben noch nachvollziehen kann. Es ist ein Grund, warum ich Deutschland weniger als Land zum Leben empfehlen kann. Doch die Eigenwilligkeit der KK kennt wohl fast jeder Selbständige. Nur geben sich fast alle damit zufrieden.

In Calp suchen wir uns keinen Schlafplatz, aber bleiben am Ende doch vor dem beeindruckend großen Massiv im Hafen stehen. Hier wird noch richtig gearbeitet – alles andere ist purer Tourismus bzw. Hochhausgigantismus.

Baden und Frühstücken gönnen wir uns direkt und zufällig vor dem Haus Edificio „Xanadú“, was bedeutet, dass sich hier Ricardo Bofill vor über 50 Jahren ein Denkmal gesetzt hat. Als wir sehen, dass es ein so besonderes Haus ist, gönnen wir uns einen Einblick.

Ansonsten ist Calp für uns doch mehr ein Durchreiseort. Das noch mehr geht, sehen wir später auf der Strecke: in Benidorm – ein ehemaliges Fischerdörfchen. Weit weg vom ehemaligen Dorf gleicht es heute einer Großstadt. Massiv sind nicht nur die Berge, die diesen Ort prägen, sondern auch die unverschämt hohen wie modernen Feriensilos. Wer es mag, der wird sich hier wohl fühlen. Es fehlt an nichts: jede Menge Shoppingmalls, Strand und Cafés. Es ist fern meiner Vorstellungskraft, dass so viele Menschen in einen Ort passen, wenn alle Appartements gebucht wären. Ich entscheide mich für eine Denkpause.