Eine Woche unterwegs

01.12.19
Makkum
Die erste Nacht im Benjamin Grün, dem Auto seiner Träume. Seiner…
Stunden, Tage, Wochen, Monate haben viele helfende Hände geschraubt. Mühsam, erfolgreich, verzweifelt, alles war dabei.
Ich war mehr stille Beobachterin, Hüterin und ab und an Retter(in) in der Not. Versorgungsstelle sowieso. Denn zum Ende der Aktion ‚Bulli bauen‘ gab es (oh Wunder) Zeitprobleme bzw. nicht vorhersehbare Nachtschichten. Und eine Menge Stress – gesundheitlich, zwischenmenschlich, aufeinander zugehen, weil voneinander abhängig gemacht und keine Zeit mehr miteinander verbracht. Thema Nummer 1 war das Auto.

Autoträume


Doch jetzt sind wir den ersten Tag unterwegs gewesen. In den ersten Advent hinein gefahren. Dabei wollte ich lange aus Deutschland raus sein. 14 Tage im Verzug.
Wenn man als selbständig arbeitender Mensch in Zeitrastern lebt, ist das etwas dramatisch ausufernd. Für jemanden der dieses System längst verlassen hat (aus welchen Gründen auch immer), spielt es hingegen eine untergeordnete Rolle. Nicht das Ziel ist interessant, sondern der Weg dorthin.
Deshalb bleibt mein begnadeter Autobastler auch im Großen und Ganzen unerwähnt. Er kennt dieses Auto besser als mich. Das wird sich sicher auf der Reise etwas ändern.

Die erste Nacht sind wir bis an die holländische Nordsee gefahren. Nach Makkum. Dann an die See und anschließend über das Jislemeer nach Amsterdam. Die Überfahrt dorthin ist sehr beeindruckend. Überhaupt ist einer der interessantesten Erfahrungen in Holland die Architektur. Hier sieht es ganz und gar nicht danach aus, als ob irgendeine Wirtschaftskrise greifen könnte. Es wird gebaut: höher, breiter, skurriler, mit- und gegeneinander. Das letzte Mal hatte ich dieses Gefühl der Größe von Architektur und Gelddruckmaschinen in Berlin nach dem Mauerfall.

Am Ijsselmeer finde ich auch gleich eine fast vergessene alte Bekannte: den Wildkohl. Das alleine schon ist eine ganze Episode wert. Die Entscheidung, gleichzeitig über die Pflanzenvielfalt ein paar Seiten mit einzufügen, ist sofort getroffen. Die Welt weiß inzwischen so wenig über unser Grundnahrungsmittel Nr. 2. Und ich liebe Grün, alles. Von Algen über Pilze bis hin zu essbaren Orchideen wie die Vanille. Man kann hier draußen so vieles finden, wenn man es kennt. Und es ist soooo gesund. Lecker dazu.

02.12.2019
Bevor ich jedoch die Reise fortsetze, entscheide ich mich, dem Bus einen passenden Namen zu geben: und nenne ihn Humboldt. Ich liebe Pflanzen, die Natur, das Leben draußen und das Erkunden fremder Regionen, das Botanisieren, Pflanzenjäger zu sein… und habe vor Jahren an der ersten Fakultät der Humboldt-Uni studiert… das passt. Finde ich. Und freue mich darüber.

Schevenigen Strand


Die zweite Nacht am Strand. Beide Male besser als im eigenen Bett zu Hause geschlafen. Was noch wunderlicher ist, dass ich viel früher ausgeschlafen habe bzw. weniger schlafen möchte. Direkt an der Nordsee bringt auch eine gewisse Geräuschkulisse mit sich. So ein Platz zum Übernachten war nicht einfach zu finden. Das hatte ich mir entspannter vorgestellt. Dank Apps, die man sich in der Planungsphase runterlädt. Diese feinen, kleinen Plätze sind auch in keiner App verzeichnet. Aber M. ist da ziemlich hartnackig, wie er so schön sagt. Am liebsten direkt am Strand – also über oder auf den Dünen. Doch da mich meine Nachhaltigkeit und meine Naturverbundenheit daran hindert, bleiben wir vernünftig und stehen artig davor.

Spuren

In Makkum haben wir beispielsweise im alten Hafen gestanden. Direkt für Camper gemacht. Nur nicht ausgeschildert. Klein, beschaulich mit Sanitäranlagen.
Die zweite Nacht haben wir in Scheveningen, einem (kaum zu fassen) ehemals kleinen Fischerdorf (laut Google) verbracht. Das ist alles andere als nachvollziehbar. Hier ist eine so groß dimensionierte Stadt entstanden. Wir waren völlig verloren in dieser mondän wie superlativ wirkenden Ecke Hollands. Trotz alledem standen wir nach kurzem Suchen direkt an der Nordsee. Wieder wunderschön. Zumindest als wir am Morgen aus der Tür traten. Der Morgen war atemberaubend, mit doppeltem Regenbogen, großen Wassertropfen von wirbelndem Wind und Sand durchmischt, lautem Gehämmer der Baustellen am Strand und einer unendlichen Weite des Meeres.
Wieder ein Stellplatz, den man kaum findet.
Tipp: da wir gern am Wasser oder am Strand übernachten, wird ungeahnt Google Maps (Satellit) eine echte Hilfe. Überhaupt läuft alles nur noch über Google. So kommen wir an alle Infos, Plätze, manchmal mühsam, meistens unkompliziert.
Draußen sind die Tage und Nächte froschig, wie M. immer sagt, was mit einer funktionierenden Standheizung trotzdem machbar ist. Die Nächte sind dadurch sehr entspannt friedlich. Naja fast.

Die übliche Prozedur eines Campers im Bullis heißt: räumen. Immer wieder. Hin und Her. Und das zelebrieren auch wir in gelassenem Miteinander. Die größte Herausforderung dabei ist, Rücksicht aufeinander zu nehmen. Ich muss mich nur sortieren… das ist der Satz, den wir sehr oft auf unserer Reise sagen werden. Platz ist gerade nicht der gewohnt häusliche Luxus (mit schlaffen 160m² Wohnfläche). Jetzt haben wir zusammen etwa 4m². Die einzige Befürchtung, dass ich mich in meinem großen zu Hause verlaufen werde.

03.12.
Heute stand Rotterdam auf der Liste: Piet Ouldof hat seine Spuren auch hier hinterlassen. Doch schon bei der Recherche war nicht wirklich viel zu finden. Direkt an der Maas dann ein kleines Denkmal der Stadt mit Hochbeeten arrangiert. Deshalb hätte man nicht hierher fahren müssen. Wir nehmen uns viel Zeit, um den Bulli, die viele Fracht und den noch nicht funktionierenden Luxus (wie Radio) fertig zu stellen. Der Bus muss ab und an umgepackt werden.
Ich habe ihn voller Essen gestapelt. Gutes Essen. Das ist mir ein Bedürfnis.
Rotterdam ist eine pulsierende Stadt mit kaum zu überbietender Architektur. Mich haut das einfach um. Wenn jemand Architektur studieren möchte, dann ist Holland ein Muss. Wer Melioration lernen möchte, kann nur in den Niederlanden studieren. Ich bin bekennende Liebhaberin von gutem Handwerk. Melioration – also das Beherrschen von Be- und Entwässerung kann man nicht besser als in den Niederlanden verstehen, studieren und auch umsetzen. Deutschland, da hast du echt geschlafen. Wir hatten vor mehr als 30 Jahren diesen Studiengang. Und ich vermisse das heutige Verständnis für einen vernünftigen wie nachhaltigen Umgang mit Wasser.

Tipp: Piet Ouldof ist einer der wichtigsten Landschaftsgestalter der Moderne. Da ich eine ähnliche Art der Gestaltung für Gärten favorisiere und auch umsetze, ist es mir ein Bedürfnis, beispielhafte Ecken in Europa zu besuchen. Rotterdam hat Piet mir persönlich empfohlen. Aber das war sicher mehr aus Verlegenheit. Leider hat die private Gartenanlage der Familie Ouldof seit einem Jahr geschlossen, was ihnen von ganzem Herzen gegönnt sei. Nach einem langen und letztlich auch erfolgreichen Arbeitsleben darf man sich im Alter getrost zu Ruhe setzen. Ich wünsche mir später einen ähnlich gelungenen Austritt aus dem Arbeitsleben.

Tipp: in der Metropole ganz unscheinbar im Wasser liegend – eine Menge an Hausbooten. Wenn Mieten immer höher steigen, eine Möglichkeit auszusteigen.

04.12.
Brügge steht als nächstes auf der Reiseroute. Doch vorher wieder ein Abstecher ans Meer nach Bergen. Bergen zum Übernachten. Wieder am Wasser. Laut App (Outlander…) ein Stellplatz in Sicht. Bald werden wir auf solche Apps verzichten. Wenig alltagstauglich für uns.

Bergen – mal nicht auf Rügen

Wir überbrücken die Strecke zwischen Rotterdam und Brügge (Wunsch von M.) und stehen in dieser befremdlich wirkenden Stadt. Mäces gibt es in den Niederlanden übrigens überall, so dass wir hier ungezwungen die Toiletten nutzen können. Das werden wir auf unserer gesamten Reise wiederholen. Zum einen, um ins Netz zu kommen, zum anderen, um nach einem Expresso die sanitären Anlagen aufzusuchen. Essen bevorzuge ich slowfood. Grins.

Brügge: schöne Stadt. Kann man, muss man nicht. Wir laufen die Straßen rauf und runter. Bewegung tut uns gut nach dem Sitzen im Auto. Und am Ende des Tages, wir schlafen mit dem Bulli mitten in der Stadt, finden wir endlich mal einen Laden mit Biofrischeprodukten. Was für ein Fest am Abend: Oliven, Paprika, Pasten. Lecker.
Vor der Nachtruhe überrede ich den müden Mitbewohner, die Lightshow von Brügge zu erleben. Eine schöne Idee, die auch in Amsterdam im Winter zur Attraktion wird. Also schauen wir uns an, was bestimmt in deutschen Landen noch Zukunft hat. Überhaupt ist die Weihnachtszeit eine schöne Zeit hier in Frankreich.

05.12.
Weiter nach Rouen. Ziel ist in 10 Tagen Barcelona. Die Route hatte ich mir zuvor zurecht geschrieben. Doch durch zwei Wochen Verzug, können wir nur die Normandie besuchen. Für einen ausgiebigen Abstecher in die Bretagne fehlt die Zeit. Hinzu kommt das wirklich kühle Wetter. In Deutschland hingegen ist es mild.

Ferme biologique du Bec Hellouin – erster Versuch am Abend
Die Farm Hellouin ist eine Farm, die ich mir unbedingt ansehen möchte. Wir erreichen sie kurz vor 17.00 Uhr. Laut Internet hat der Hofladen geöffnet. Aber hier ist gar nichts geöffnet, kein Tor, keine Tür, kein Fenster. Wir fragen kurzerhand beim Nachbarn nach, der versichert, dass jeden Freitag die Tore offen stehen. Da es ein weiter Weg bis hier war, entscheiden wir uns, einen zweiten Anlauf am morgigen Freitag zu nehmen.
Müde finden wir in Brionne eine ruhige Ecke zum ausgiebigen Abendbrot und Ruhen am See. Die Nacht ist wunderbar entspannt. Keine Autos, keine Heizung, nur die Stimmen des Regens und der Vögel vom Wasser. Seele lacht und schläft gelassen ein.

06.12.
Kalte Tage und Nächte… die Heizung hat sich verabschiedet. Und es hat sich wunderbar geschlafen – ganz ruhig ohne Zwischentöne und Dauergeräusche. Mit dicken Betten ausgerüstet, passt das.
Trotzdem einmal die Batterien getauscht, weil die Sonne bei dem verhangenen Wetter nicht ausreicht, um zu laden. Und dann gefahren. Durch die Agrarlandschaft der Normandie. Ernüchternd leere Landschaft mit noch größeren Feldern als bei uns. Dauerwind auf den Straßen. Regen und Wind. Das beste Wetter zum Fahren. Der Sturm macht unserem Auto nix. Auch das runterfahren an den unmöglichsten Orten ist unerheblich. Mit Allrad sind wir echt entspannt.
Am Nachmittag habe ich Chartres als Ziel ins Navi eingegeben. Dort steht wieder mal eine beeindruckende Kathedrale Notre Dame. Die Städte der Region sind immer wieder schön anzuschauen, die Architektur so unterschiedlich seit dem Beginn unserer Reise. Eine Freude, sich jeden Tag die Kreativität und Lebensfreude der Menschen (aus vielen Jahrhunderten) anzuschauen. Wo bleibt diese Liebe in der heutigen Zeit? Das Bewahren des Erschaffenen, der Stolz und auch die Demut, hier beständig zu bleiben. Statt höher, breiter, weiter.
 

Illumination


Zur Dämmerung werden wir überrascht von der Illumination der Kathedrale und anschließender Prozession des Theaters (?). Die Stadt ist faszinierend. Nicht fassbar für uns, wie groß im Dunkeln. So genießen wir es im Altstadtkern dabei sein zu dürfen, dem Tanz der Eisbären und der Musik folgend.

Weiter nach Orleans – ich will an die Loire.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s