Lissabon

Regentage

Sicher waren wir uns nicht, ob wir uns für die Hauptstadt entscheiden. Ich bin neugierig und setze mich durch. So kurz vor den Toren der Stadt eine Wende zu machen, halte ich für unsinnig. So schnell komme ich nicht wieder in diese Region, denn Flugzeuge möchte ich aus mehreren Gründen kaum bis gar nicht (mehr) nutzen.

Altstadt im toten Winkel

Lissabon ist verregnet. Wir erreichen die Stadt am späten Nachmittag. Das Wetter erwischt uns völlig unvorbereitet. Mit leichter Sommerkleidung sind wir nach kurzer Zeit durchnässt und geben unseren langen Lauf in die Stadt auf der Hälfte der Strecke auf. Humboldt haben wir  mit gutem Gefühl am Hafen geparkt. Vorher schauen wir im alternativen Viertel gleich nebenan  vorbei. Aus Paris kenne ich ein richtig spannendes Projekt mitten in der Stadt. Dort, wo man gute Gespräche führt, Projekte anschauen oder auch vor Ort direkt mithelfen kann. In Lissabon ist die geschaffene Plattform eher für crowdworking und labs gedacht. Befrackte Männer kommen uns entgegen. Naja, wo Männer mit Schlips und Kragen auftauchen, hat vordergründig Geldverdienen Einzug gehalten. Wir verlassen diese Plattform.


Da wir in unseren durchnässten Kleidern nicht den langen Weg unverrichtet zurücklaufen möchten, landen wir kurzum in einem kleinen, aber noblen Bio-Restaurant. Wir fühlen uns richtig gut aufgehoben. Das Essen ist lecker, das Wasser gefiltert, der Wein sehr gut und wir sitzen im Trockenen. Überzeugt können wir diesen Ort empfehlen. Die jungen Köche sind mit Enthusiasmus dabei und es macht Spaß, dass zu erleben.

Weniger ist manchmal mehr!

Auch am nächsten Tag regnet es beständig weiter und wir schauen uns die Stadt mit dem Auto an. Wir versuchen kurz noch zur hippen Markthalle zu gelangen. Doch der chaotischen Verkehrsführung und der Autowalze durch die Stadt geschuldet, bleibt unser Wunsch utopisch. Auf geht’s zu Alfredo ins Hinterland. Der weiß hoffentlich, dass wir kommen.

Sierra Nevada
Den Regen lassen wir hinter uns und begeben uns Richtung Osten. Wir möchten uns eine Farm anschauen, die nachhaltig und ökologisch wirtschaftet. Uwe hat uns den Tipp gegeben. Alfredo hat vergessen, dass wir kommen. Aber er nimmt uns warmherzig unter seine Fittiche und lässt uns an seinem Projekt teilhaben. Wir sind einmal mehr überzeugt, dass Menschen und Projekte seiner Art Unterstützung brauchen.

Herdade von Alfredo


Während wir durch die Sierra Nevada bummeln, philosophiere ich und hänge meinen Gedanken nach… Das Problem unserer heutigen Bewirtschaftung scheint mir nicht die bewusste Nutzung der Landwirtschaft zu sein. Viel mehr habe ich das Gefühl, dass mir als Mensch die Selbstbeherrschung abhanden gekommen ist: mit uns als Mensch und meinen Umfeld. Letztlich dem, was uns umgibt, was uns bettet, nährt und trägt.
Wenn ich diese einzigartige Weite hier erlebe, kann es nicht an Nahrungsmitteln fehlen. Seitdem wir Spanien betreten haben, bin ich fasziniert von den fruchtbaren Böden, egal wo wir uns bisher aufgehalten haben: fette, nährende Erde. Das gleiche erleben wir in Portugal. Der einzig begrenzende Faktor auf diesem Planeten ist der Mensch!

Wo aber Entgleisungen entstehen, weil Geld das Mittel zum Zweck ist, scheint die Landwirtschaft entartet, entwürdigt, benutzt und versklavt. Dabei haben wir und auch die Erde diesen Zustand nicht nötig.

Portugal

Auf der Rückreise durch Spanien wird uns schnell klar, wo die Unterschiede zwischen zwei klimatisch ähnlichen Ländern liegen. Uns gefällt die in Portugal erhaltene kleinbäuerliche Struktur in der Landwirtschaft, die wir größtenteils in den übrigen Ländern der EU lange aufgegeben haben. Meine stille Hoffnung: dass Portugal mit einem blauen Auge davon kommt. Denn die hiesige Waldwirtschaft ist ein Desaster. Die kleinbäuerliche Landbewirtschaftung hingegen die einzige Möglichkeit, einen für alle gangbaren Weg zu gehen. Portugal macht uns Hoffnung, auch wenn das für den Moment dort im Land ganz anders wahrgenommen wird. Soweit ich es einschätzen kann, werden über die EU in den nächsten Jahren marode Straßen gefördert. Trotzdem fahren hier die am besten erhaltenen alten Autos in Masse. Neue Straßen bringen die Menschen in die Städte und erzwingen über kurz zur  lang flächendeckend Landflucht. Vielleicht bleibt Portugal durch die einzigartige und wohltuende Landschaft davon verschont. Wir haben fast jeden Tag Deutsche, Belgier oder andere Neusiedler in den Dörfern getroffen, die sich eine neue Basis im Land aufbauen. Durch den Druck der ursprünglichen Arbeit geflohen und in Portugal eine Heimat gefunden. Sauberes Wasser, saubere Luft, über Jahrtausende gepflegte Böden.

Monokulturen in grün – gespritzt

Sowie wir die Grenze zu Sapnien überschritten haben, sind Monokulturen in größeren und überdimensionierten Ausmaßen die Realität. Wir können nur aufklärend unterwegs sein. Wir können nur darüber sprechen. Gegen Kommerz und Geld ist unserer Stimme scheinbar ohnmächtig. Das glaube ich inzwischen nicht mehr. Denn ins Handeln kann jeder kommen. Oder besser noch: erkennen, das eine Agrarwende die einzige Möglichkeit sein wird, den derzeitigen Luxus weiter zu leben. Damit meine ich nicht den Konsumwahn, sondern eine grundsätzlich nachhaltige Lebensweise.

Plantage wenig gespritzt

Die unendlich weiten Monokulturen, die wir passieren, sind gut gespritzt, verseucht. In Portugal fiel uns als erstes auf, wie grün das Land im Vergleich zu Spanien ist. Inzwischen ist uns bewusst, dass den Portugiesen das Geld fehlt, um die selbe Art von Landbewirtschaftung zu betreiben. Auf der Rückreise entsetzt uns einmal mehr, wie tot  bzw. lebensleer die Plantagen in Spanien erscheinen.

Überproduktion kennt letztlich kein Maß. Die Erde wird verhurrt und missbraucht. Am Ende der Kette stehen riesengroße Müllhalden. Die EU fördert in großem Stil in Portugal wie auch in Spanien Agrarkooperativen, Ölmühlen, Olivenhaine, Fruchtplantagen. Aus welchem Grund auch immer. Wir werden es  hinterfragen, wenn wir ausreichend Datenvolumen zur Verfügung haben.

Typische Plantage mit fehlender Krautschicht durch Herbzidbehandlung