Portugal – hinter den Kulissen

Wir sind auf dem Weg nach Monchique in die Berge und auf der Suche nach heißen Quellen. Unsere Irrfahrt endet mitten auf dem Via-Algarviana, einem Wanderweg quer durch die Algarve. Es ist bereits dunkel und wir stecken im Nirgendwo. Laut Navi sind wir auf guten Wegen Richtung Quelle unterwegs. Doch in natura ist der Weg kaum befahrbar und wir landen direkt vor einem Hof. Einer von vielen, der 2018 vom Feuer stark betroffen war. Die Besitzerin bittet uns, den Weg nicht weiter zu fahren und den Ort zu verlassen. Wir unterhalten uns auf deutschenglisch eine Weile mit ihr und übernachten wenig später unweit der Farm auf einer Wiese. Hier in der bergigen Landschaft herrscht eine grundgute Ruhe. Für uns eine klare Entscheidung, die Gegend zu erkunden. Wir sind gespannt, was uns am Morgen erwartet.

Unser Rastplatz

Mit dem Aufwachen entdecken wir eine einzigartig anmutende Landschaft, die uns sofort in ihren Bann zieht. M. hat schon einen Morgenspaziergang unternommen und kommt begeistert zurück. Gemeinsam tauchen wir in ein Naturerlebnis ein, dass von Menschenhand geprägt wurde. Steine, Wasser und Mauern, Bäume, Grün und Blütenmeer – eingebettet in Kultur und Landschaft. Eine Region, die ein wenig verträumt vor sich hin dämmert.


An vielen Ecken fließt hier klares Wasser, die Wiesen blühen und eine unglaubliche Ruhe lässt uns etwas entrückt die Zeit hier genießen. Nur heiße Quellen finden wir hier nicht. Dafür gutes Wasser und spannende Menschen.

Interessiert schauen wir uns um und sehen betrübt, was hier passiert sein muss. Das Feuer hat überall tiefe Spuren hinterlassen. Bäume und Landschaft, Häuser und Behausungen sind verbrannt. Viele einsame Grundstücke; tote Bäume sowie Bäume, die noch im Kampf mit den lebensbedrohlichen Auswirkungen stehen. Der angebliche Verursacher der Katastrophen, die Eukalyptusbäume, wachsen unbekümmert und rasant weiter. Trifft man anfänglich auf diese Exoten, ist man fasziniert. Zumindest ging es mir ab Frankreich so. Der Geruch der Bäume, das Laub und auch das Holz – ätherische Öle enthaltend, die einfach verlockend und duftintensiv sind. Je tiefer wir jedoch nach Südeuropa kommen, umso mehr wird uns das Desaster bewusst: eine ausgeräumte, monotone Landschaft, die durch den Eukalyptusbaum bestimmt wird. Dabei gibt es hier viele einzigartige Baumarten, die das eigentliche Landschaftsbild bestimmen: Korkeichen, die unterschiedlichen iberischen Eichen, Carobbäume, Esskastanien und die typischen Kiefernarten der Iberischen Halbinsel.

In Portugal wirkt die Dramatik aufgrund der Brände ernst. Die Krautschicht allerdings, die so ganz typisch für den Aufbau einer Pflanzengesellschaft steht, wirkt auf mich vital und gesund. Das beruhigt. Es gibt viele Pflanzen zu entdecken und zu benennen. Am Ende des Tages probieren wir uns durch das ganze Grün durch, um zu entscheiden, was essbar sein könnte und was eher ungeeignet erscheint.

Mehr zufällig treffen wir auf Uwe Heitkamp und verbringen einen ganzen Tag miteinander. Gemeinsam schauen wir uns an, was er und Stefanie in den letzten Jahren geschaffen haben. Dabei ergeben sich unsererseits einige Fragen: zum Land, zu den Bränden vor Ort, zum Leben und Wirken in Portugal…
Die Vehemenz, mit der Uwe unterwegs ist, um einen gangbaren Weg als Mensch zu gehen, können wir nur gut finden und sind begeistert. Ein Thema, was auch mich seit über 30 Jahren begleitet. Nachhaltigkeit kann und darf nur bei mir selbst beginnen.


Uwe hat dazu ein beispielloses Experiment auf die Beine gestellt. Das muss hier unbedingt erwähnt werden: Kyotogame. Beschrieben wird dieses Spiel, bei dem der persönliche Fußabdruck für ein ganzes Jahr gemessen und verglichen wird, in der ECO123. Eine von ihm herausgegebene kritische Zeitschrift, die in drei Sprachen veröffentlicht wird. Es tut uns richtig gut; die Gespräche, die Intensität und der kritische Blick allein geben uns Einsicht in die derzeitige Lage des Umlandes. Noch eins: wir freuen uns, besondere Menschen in einer einsamen Region getroffen zu haben. Monchique ist so einzigartig, weil hier ein besonders mildes Bergklima auf fruchtbaren Boden trifft. Dazu das gute und reichliche Bergwasser und nicht zuletzt die Nähe zum Atlantik, was scheinbar ein subtropisches Klima möglich macht.

Nach den intensiven Gesprächen im Hause der Familie Heitkamp sind wir einmal mehr überzeugt, dass wir neben einer nachhaltigen Landwirtschaft Kooperativen brauchen. Diese scheinen uns eine wichtige Voraussetzung zu sein, um gemeinsame Interessen sinnvoll umzusetzen. Für mich wiederum kommt ein weiterer Gesichtspunkt ins Spiel. Ich möchte Länder bzw. Menschen verbinden. Deshalb sind wir unterwegs. Traditionelles Handwerk weiterleben lassen sowie den Verkauf untereinander und gegenseitig unterstützend. Keinen einseitigen Handel, der genau das Gegenteil verursacht hat, weiterhin zulassen.

Allerdings müssen wir viele Menschen finden, die Gleiches wollen und dafür einen Beitrag leisten. Nur dann können wir aufhalten, was durch die enorme Industrialisierung und den folgenschweren wie grenzenlosen Kommerz der letzten 100 Jahre verursacht wurde.

Deshalb steht Tamera als nächster Ort auf der Zielroute. Tamera, ein Ort der Friedens- und Lebensgemeinschaft mitten in Portugal. Derzeit im Winterschlaf oder besser gesagt im Prozess der auferlegten Ruhe. Trotzdem fahren wir hin und bekommen die Möglichkeit, uns ein wenig umzuschauen. Eindringlich wird uns kurz darauf der Weg aus dem Ort gewiesen. Wir akzeptieren diesen etwas unhöflichen Akt, haben anschließend jedoch mehr Fragen als vor unserer Ankunft. Etwas amüsiert und auch bedrückt verlassen wir Tamera. Nicht zu unrecht haben wir das Gefühl, mit unserem Handeln und Wissen viel weiter zu sein. Nur fehlt es uns schlicht an Selbstdarstellung in dieser Dimension.

Es lohnt sich, über Tamera ein wenig Infos einzuholen: denn neben der freien Lebensgemeinschaft freuen sich die meisten Besucher wohl über die freie Liebe, die hier gelebt wird. Doch das darf jeder selbst für sich herausfinden.

Weiter lassen wir uns Richtung Lissabon treiben. Wir diskutieren intensiv über das Erlebte während der Fahrt. Viel Verkehr gibt es in dieser Region nicht, so dass wir uns sehr entrückt von allem fühlen.

Hauptverkehrsmittel: Pickup

Kurz vor Lissabon, bleiben wir wieder mal an der Küste stehen. Portugal ist so romantisch klein, dass man fast automatisch am Meer landen muss. Dieses Mal stehen wir allerdings vor der Stadt Sines, eine  Stadt, die heftig von Industrie geprägt ist. Wir sind verwundert und überrumpelt.

Unsere App hatte uns einen wildromantischen Schlafplatz versprochen. Der Sonnenuntergang entschädigt und wir bleiben einfach stehen. Nebenbei passiert uns der zweite Wasserschaden. Der Schlauch ist abgerutscht und 10l rinnen unbemerkt ins Freie. Wieder einmal leidet der Fußboden unter diesem Missgeschick. Gottlob ist es hier alles andere als kalt und die Entlüftung funktioniert.

Sines: historische Altstadt und Ölraffinerie liegen dicht beieinander. Der Flughafen ist geschlossen, die Eisenbahn ist nur noch für die ansässige Industrie tätig. Wir sind gespannt, was uns erwartet. Was unaufhörlich arbeitet: das Meer. Unerbittlich nehmen wir auch in dieser Nacht die immense Kraft des Wassers wahr. Ein Kommen und Gehen der tosenden Wellen, die mich immer wieder aus dem Schlaf reißen. Das dumpfe Dröhnen des Atlantiks werde ich wohl noch lange in Erinnerung behalten.
Im Hafen begegnen wir dem geschäftigen Treiben der Fischer. Große Hallen, in denen der Fisch meerfrisch gehandelt wird.
Und oben in der Stadt ein Denkmal für den Sohn Stadt und erfolgreichen Seefahrer: Vasco da Gama. Geschichtsunterricht haben wir in Spanien und Portugal wirklich richtig gut und viel wiederholt.