Coimbra erreichen wir am Nachmittag, Ziel wird der Botanische Garten. Ein Parkplatz in der Nähe finden wir relativ unkompliziert, wenn auch die Stadt auf dieser Seite viele Autos und wenig Parkmöglichkeiten zu bieten hat. Das ist ja auch vernünftig. Die Stadt ist schnell, laut und voller Verkehr.
Also fühlen wir uns in der Botanik richtig. Dieser geschichtsträchtige Ort wurde sogar ins Weltkulturerbe aufgenommen, genau genommen der Park und die Uni. Der Park leidet nur ganz besonders an Vergesslichkeit. Ich vermute, wir sind heute mit wenigen Deutschen die einzigen Besucher. Ein traurig verlassener Ort – mit dem wohl größten Senkgarten aus vergangenen Zeiten. Ich bin berührt und zugleich betroffen. Was könnte man hier wuppen. Und diesen Ort wieder zu einem Diamanten schleifen, der er mal gewesen sein muss.
Wir steigen amüsiert über aufgetürmte Blätterhaufen, die wohl der Kaffeepause wegen liegen bleiben mussten. Auch der kleine John Deere steht hier mutterseelenallein herum. Später erscheinen drei fröhlich gestärkte Gartenarbeiter, schmeißen im Handumdrehen ihre vielen Blätterhaufen auf Johnnys Ladefläche und haben Feierabend. Viel mehr scheint in diesem einst wundervollen Garten auch nicht zu passieren. Das Viktorianische Gewächshaus hat geschlossen, die anderen sehenswerten Bauwerke sehen genauso traurig aus wie der Garten. Etwas irritiert sind wir, als ein Bus an uns vorbei durch den Botanischen Garten fährt. Seltsam.

Der Botanische Garten gehört zur Uni der Stadt und ist als Schau- und Lehrgarten für angehende Mediziner gegründet worden. Es ist der älteste Botanische Garten in Portugal. Die Universität schließt sich an das Aquädukt und den Garten an, mächtige Bauwerke, die mich spontan an unsere Stalinbauten erinnern. Nachgelesen stammen diese monumentalen Gebäude aus den 40er Jahren. Dafür wurden die einst barocken Anlagen und zahlreiche Renaissance-Bauten abgerissen. Die Uni an sich wiederum ist ebenfalls die älteste Portugals (Gründung 1290) und eine der ältesten Europas. Hoffentlich gab es einen guten Grund, um barocke gegen moderne Bauwerke zu tauschen. Die alte Bibliothek (Biblioteca Joaninaaus) gehört heute zu den Attraktionen der Stadt. Prachtvoll und ehrwürdig thront sie über der Stadt, wo einst Palastwände standen.


Nachdem wir uns hier durchgelaufen haben, landen wir treppab in einer unerwartet schönen und quirligen Altstadt. Auch hier gibt es eine Menge zu bestaunen, vor allem immer wieder die wunderschönen Häuser vergangener Zeiten. In den belebten Einkaufsstraßen locken Souvenierläden en masse. Schaut man jedoch die Häuser genauer an, erscheinen die Straßen wie Geisterstraßen. Unten Laden, oben nix mehr. Gar nix mehr. Schade. Wie immer in den Städten Zentralportugals mit schönsten Ornamenten, herrlichen Balkonen, Fliesen, Glas und vielen kleinen Errungenschaften damaliger Zeiten.






Vielleicht gibt es ja einige Gutmenschen, die Interesse haben, mit ihrem Geld diese besondere Architektur zu erhalten. Geld gibt es ja momentan so unendlich viel auf der Erde, vielleicht unglücklich verteilt, aber vorhanden und das in Mengen. Deshalb ist der Gedanke gar nicht so abwegig, einen Transfer vorzunehmen. Denn bebaute grüne Wiesen gibt es auch hier überall und sehen wenig einladend aus. Wohn- und gute Geschäftshäuser einer Stadt hingegen sind Teil des sozialen (und einst wirtschaftlichen) Gefüges.
Bevor wir Coimbra erreichen, machen wir einen Abstecher in eine wunderschöne Höhle. Tatsächlich weiß man das immer erst, wenn man sie gebucht und besucht hat. Aber sie war wirklich wunderschön. Google schweigt sich zu solchen Highlights am Wegesrand leider aus. Nur durch die Schilder am Wegesrand findet man dann kleine Perlen, über die man sich ja auch besonders freut.
Und nach Kultur und Höhlenbesuch geht es weiter Richtung Atlantik. Wir nähern uns dem großen Wasser von der Ostseite – stürmisch und sanft zugleich, beständig tief, blau und Wellen, Sonne satt. Faszinierend, immer wieder. Still begrüßen wir das Meer. Jetzt sind wir in Portugal, am Atlantik, in der Wärme. Angekommen.

Figueira da Foz: ich habe den ehemaligen Fischerort gesucht und doch nicht gefunden. Aber das braucht es auch nicht. Ich schwanke zwischen Touri-Dasein und Abenteuer-Leben. Es scheint gar nicht so einfach, sich für eines der beiden zu entscheiden. Aber das muss ich heute. M. ist angeschlagen und kommt kaum mit Schnauben und Husten hinterher. Wir gönnen uns am breiten Strand, und dieser Strand ist wirklich breit (gefühlt sind es 1km bis zum Wasser), etwas zu Essen. Das könnte weit besser sein, aber satt macht zufrieden. Später erkunden wir die betont schöne Altstadt bzw. Neustadt aus der Gründerzeit.





Wunderschöne Gassen und Häuser. Viel zu viele Fotomotive, die ich alle am liebsten knipsen möchte. Zum Glück taugt keines der Handys für wirklich gute Fotos. Ein paar Erinnerungen müssen aber sein. Und so laufe ich mit dem Handy vor meinem Gesicht durch die Gassen… Bald habe ich das Gefühl, ich fülle und schreibe ein ganzes Buch über Portugal. Die Fotos, die Eindrücke, die Sprache, die Landschaft. Doch wer soll so ein Buch haben wollen? Jeder schreibt wohl so sein eigenes Buch – sein Lebensbuch!
Auf dem Rückweg am Hafen und charmanten Geschäften entlang lasse ich mich von M. zu einem Besuch im Schuhgeschäft überreden. Als konstante Konsumverweigerin kaufe ich mir gleich zwei paar Schuhe. Ich habe zwar ausreichend davon an Bord, aber kein einziges, brauchbares Paar. Wenn man mehr auf der Scholle arbeitet als unterwegs zu sein, kann es an praktischem Outfit fehlen. Der eigentliche Grund ist aber noch anderer Natur: durch das überwiegende Barfußlaufen in den Sommermonaten entwickeln sich die Füße freier. Mir passen kaum noch normale Schuhe, weil meine Füße diese Freiheit gewohnt sind. Auch sogenannte Barfußschuhe sind total einengend und ungeeignet. Und hier in dieser kleinen, hübschen Stadt werde ich fündig. Die kümmerige Verkäuferin und ich freuen uns, wir versuchen uns dabei mit englischportuguiesisch auseinander zu setzen. Klappt für diese einfachen Dinge ganz gut.
Die bequemen Schuhe ziehe ich auch nicht mehr aus – so wunderbar laufen sie sich vom ersten Tag an. Das zweite paar kaufe ich mehr als Geschenk, denn es sind 100% nachhaltige Schuhe – Badelatschen aus Portugal. Das finde ich so toll, dass ich sie unterstützend kaufen muss. Wer auch immer sich darüber freuen darf, spielt erst einmal keine Rolle. Auch 100%ige Wollschuhe mit Korksohle lachen mich an, aber ich brauche keine Hausschuhe. Hier in Portugal kann man sie auf der Straße tragen – weil kaum Regen. Die sind wirklich handwerklich super gearbeitet. Die Firma steht auf jeden Fall auf meiner Liste.

Eine kleine Bar zur Stärkung lädt uns ein, M. hat wie fast immer großen Hunger. Auch wenn er angeschlagen ist, Essen geht immer. Wir landen in einer kleiner, kunstverliebten Bar, die von zwei witzigen Frauen geführt wird. Sehr schön und facettenreich. Neben der Cafébar bieten sie handgefertigte Fliesen, Weine, Spirituosen, Seifen usw. an, eigene Bilder aus der Werkstatt. Der Brennofen steht gleich mit im Raum. Die Fliesenmalerei wie auch das Töpfern sind kulturell mit Portugal tief verankert.
Die entspannte Lebensart hier im Südwesten Europas gefällt uns immer wieder. Genau das genießen wir bei einem Cortado und einem Gläschen Wein. Lecker. Über den Preis für Essen und Trinken mag man gar nicht reden. Verschwindend gering, woran man sich schnell gewöhnen kann.
Tipp: http://www.deniart.pt
Abends fahren wir ein Stück weiter gen Süden – Ziel Nazaré – die Stadt tosender und meterhoher Wellen, sagt man. Wir sind gespannt, was uns erwartet. Vor der Weiterfahrt entscheide ich noch kurzerhand: der Touri-Status wird vorher abgelegt. Dabei fällt mir ein, ganz werde ich das kaum hinbekommen, denn nach Fátima und Nazaré steht Lisboa ein zweites Mal auf der Wunschliste.




